Beilagen.
A. Entwurf einer Selbſtbiographie§. Geiger's.
Geboren im Jahre 1829 zu Frankfurt a. M., trat ich nach vollendetem ſechſten Jahre, lange vor⸗ her von meinem Vater, der mir auch während meines ganzen folgenden Lebens ein ehrwürdiger Lehrer geblieben iſt, mit ſeltener Hingebung unterrichtet, in die Selectenſchule ein, an welcher damals unter Andern noch Herr Profeſſor Aſchbach, jetzt Profeſſor an der Univerſität zu Wien, und Herr Dr. Eberz, gegen⸗ wärtig Profeſſor des hieſigen Gymnaſiums, höchſt anregend wirkten. Anfangs nicht zu einer gelehrten Lauf⸗ bahn beſtimmt, fühlte ich mich durch innere Neigung zu ihr getrieben und ſo wurde ich, nachdem meine Eltern ihre Abſichten dieſer Neigung geopfert hatten, nach mehrmonatlicher Vorbereitung im Herbſt 1845 in die Secunda und von da im Frühling 1846 in die Prima des Gymnaſiums aufgenommen. Ich abſol⸗ virte daſſelbe im Oktober 1847, beſuchte alsdann der Reihe nach die Univerſitäten Bonn, Heidelberg und Marburg, und kehrte zur Vollendung meiner Studien 1850 nach Bonn zurück. In Bonn fand ich meinen Jugendlehrer Aſchbach wieder; ich lernte Welcker, Ritſchl, van Calker, Freitag, Dahlmann, Kinkel, in Heidel⸗ berg Weil und Schloſſer, in Marburg Gildemeiſter und R. Bunſen u. A. kennen und zum Theil ver⸗ ehren. Seit meiner durch öffentliche, die Jugend ergreifende Ereigniſſe mehr erhöhten als geſtörten Studien⸗ zeit lebte ich, faſt nur wiſſenſchaftlichen, auf ſchriftſtelleriſche Thätigkeit zielenden Beſtrebungen und dem Um⸗ gange einiger geliebten Schüler und Freunde hingegeben, in meiner Vaterſtadt, bis, nachdem der Real⸗ ſchule der israelitiſchen Gemeinde durch den Tod des ſel. Herrn Dr. Joſt eine allgemein verehrte Kraft entriſſen war, die würdigen Männer, die dieſe Schule leiten, mir das höchſt ehrenvolle Vertrauen ſchenkten, meinen Eintritt in das Lehrercollegium derſelben wünſchenswerth zu finden.
B. Eines von Geiger's im Sommer 1844 geſchriebenen Priefes.
Mainz, 23. Juli 1844.
Theure Mutter! Ich habe Kummer genug hier und genug unverdienten, aber ich ertrage ihn leicht und muthig und murre nicht. Aber daß ich Dir noch Verdruß bereiten ſoll, Dir, die Du mit unausgeſetzter Sorgfalt allen meinen Bedürfniſſen, geringen und großen, nachkömmſt, die Du glücklich warſt in dem Ge⸗ danken, daß ich glücklich wäre— das zerſchneidet mir das Herz.— Sage mir, daß Du mir darum nicht zürneſt, denn wahrlich ich verdiene es nicht. Als bei der öffentlichen Schulprüfung im Jahre 1843 die Zuhörer auf mich zutraten, Leute, die mich nicht kannten, mir glückwünſchten und mir unverhohlen ſagten, daß ich der Beſte in der Klaſſe ſei, da fühlte ich, daß es von mir und nicht von dem blinden Zufall abhänge, etwas zu wirken, und wer es nicht ſelbſt empfunden hat, der weiß nicht, was ich da empfand. Ihr wolltet nicht, daß ich ſtudiren ſollte, und ich widerſprach Euch nicht— ich kannte das Studium nicht, kannte nicht die Allgewalt des verhaltenen inneren Triebes. Ich ſah einen Stand, der Großes zu Tage gefördert hat, einen Stand ohne den es keine Wiſſenſchaft, keine Gelehrſamkeit geben könne. Und


