Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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nicht in excluſiven Kreiſen bewegt hat, hat in ihm einen ſchlichten natürlichen Sinn, eine gewiſſe Naivetät erhalten und war der Entwicklung des Echtmenſchlichen in ihm gewiß nicht nachtheilig.

Ich will nicht reden von den ſchönen, rührenden Beziehungen Geiger's zu ſeinen Eltern und Geſchwiſtern¹) ſolche Verhältniſſe ſind ja in unſerer Mitte Gottlob nicht vereinzelt; etwas An⸗ deres jedoch darf nicht übergangen werden.

Es war eine Eigenthümlichkeit Geiger's, daß, während er auf wiſſenſchaftlichem Gebiete völlig vorausſetzungslos an die Dinge herantrat und nur das feſthielt, was er an der Hand des ſtrik⸗ teſten Beweiſes richtig anerkannte, er gleichwohl eine hohe Achtung bewahrte vor den hiſtoriſchen Mächten des Lebens ²). Als Jude hielt Geiger ſich durch das jüdiſche Geſetz, deſſen Beobachtung ihm überdies durch Erziehung und Lebensgewöhnung natürlich geworden war, gebunden. Im Zu⸗ ſammenhange mit dieſer Richtung ſteht, wie ich glauben möchte, ein ihm eigenthümlicher, in allen Lebenslagen bewährter Zug der Treue und ebenſo eine tiefe Ehrfurcht vor dem Alterthümlichen).

Geiger war übrigens ein tiefer Kenner des Judenthums) und hielt mit vollem Bewußt⸗ ſein an einer Religion feſt, die, an beſtimmte Inſtitutionen geknüpft, zu Thaten verpflichtet, un⸗ ſern Handlungen ein Maaß vorſchreibt, aber die Freiheit des Denkens nicht beſchränkt und ein unausgeſetztes Forſchen nach Wahrheit vorſchreibt.

Seine Menſchenliebe kannte jedoch keine Schranke, weder der Religion noch der Nation: wie ihm frühdie Empfindung einer in allen Zeiten und Völkern waltenden einzigen Menſchheit und der Gemeinſchaft alles Hohen, Herrlichen und Göttlichen aufgegangen war 5), ſo hatte und verlangte er Achtung vor Allem, was Menſchenantlitz trägt. In dieſer Menſchenliebe, die ſich überall thätig und aufopfernd erwies, in der Liebe zur Wahrheit, zum Recht und zur Freiheit gipfelte ſeine ſittliche Lebensanſchauung.

Wir aber ſchließen dieſe Blätter, die wir in dem Gedanken an das, was unſere Schule, die Seinen, die Wiſſenſchaft in ihm verloren, in bewegten Stunden geſchrieben haben, mit den Worten, denen wir einmal auf dem Gedenkſtein eines edlen Mannes begegnet ſind und die was Geiger er⸗ ſtrebte und war zuſammenfaſſend bezeichnen:

Sein Leben war Dienſt der Wahrheit, Seine Seele Odem der Liebe.

¹) Geiger kommt oft und mit Vorliebe auf den Unterricht zurück, den er von ſeinem Vater empfing. S. oben S. 10 Anm. 2. und im Folgenden Beilage A, vergl. auch Urſprung der Sprache S. 231 und Urſprung der Sprache und Vernunft S. 463. Der Vater hinwiederum beruft ſich in ſeinen Schriften gern auf den gelehrten Sohn(vergl. Rabbi Salomo Geiger: Melecheth machschebeth S. 56. Dibre kehilloth S. 23 u. 460. Dieſen Nachweis verdanke ich Herrn Alfred Geiger, von dem wir die Herausgabe des Nachlaſſes ſeines Bruders Lazarus zu erwarten haben), den er in ſeiner Grabrede ſeinen Schüler und Lehrer nannte.

¹) Ein Gedanke, den Geiger in ganz anderer Verbindung ausgeſprochen hat, mag hier Platz finden:Dieſes ſind jene zwei Seelen in der Bruſt der Menſchheit: die eine klammert ſich an das uralte Sinnliche, welches uns an das Herz geknüpft iſt, und möchte es nicht verlaſſen; die andere reißt uns unaufhaltſam mit dem Triebe des Wachsthumes und der Entwickelung ewig, wir wiſſen nicht wohin, vorwärts. Urſprung der Sprache und Ver⸗ nunft S. 96.

²) Ein redendes Zeugniß davon geben ſeineTerzinen bei dem Falle der Synagoge zu Frankfurt a. M. Frankfurt, 1854. F. B. Auffarth.

¹) Das zeigt ſich u. A. auch in den mit Klarheit und Schärfe meiſterhaft geſchriebenen Aufſätzen:Die Iſraelitiſche Gemeinde und Herr Stein in dem Volksfreund für das mittlere Deutſchland, Jahrg. 1861. Vgl. übrigens Anhang D.

) S. unten S. 36.