Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
Einzelbild herunterladen

22

Wenn es aber unzweifelhaft iſt, daß die tiefſte Wirkung eines Lehrers diejenige iſt, die un⸗ mittelbar von ſeiner Perſönlichkeit ausgeht, ſo war es ſicherlich ein nicht genug zu preiſendes Glück für eine Schule einen Mann, den ihrigen nennen zu dürfen, der ein abgeſagter Feind aller Aeußer⸗ lichkeit und Oberflächlichkeit, des Sichabfindens mit den Pflichten, alle Beziehungen, in die er trat, alle Aufgaben, die er ſich ſtellte oder übernahm, tief und gründlich erfaßte, der reinen Herzens, lau⸗ tern Sinnes uns allen, Lehrern und Schülern, ein ſo edles Vorbild war.

Um ſeine Rang⸗ und Gchaltsverhältniſſe kümmerte er ſich nicht. Bei ſeiner Berufung im April 1861 als außerordentlicher Lehrer angeſtellt, datirt ſeine Anſtellung als ordentlicher Lehrer faſt acht Jahre ſpäter, vom 1. Februar 1869; ſeine Gehaltsverhältniſſe blieben von ſeiner Be⸗ rufung bis zu ſeinem Tode unverändert. Nur einmal und in den letzten Jahren wendete er ſich an die Schulbehörde mit dem Erſuchen, ſeine Stundenzahl von 24 auf 20 wöchentlich herabzuſetzen, um ſeinen Studien denjenigen Raum zu geſtatten, den er ihnen unmöglich entziehen dürfe. Als man ihm in Folge deſſen, um ſeinebewährte Kraft der Schule in dem bisherigen Umfange zu er⸗ halten, eine nicht unweſentliche Gehaltserhöhung anbot, wies er ſie zurück, ſchon um nicht den Schein auf ſich zu ziehen, als habe er mit ſeinem Geſuch etwas Anderes bezweckt, als er ausge⸗ ſprochen; und ſo willigte man in die Verminderung ſeiner Unterrichtsſtunden. That er ſo für ſich gar nichts, ſo war er unermüdlich, wo es galt, für Andere einzutreten und das Wohl unſerer Schule zu fördern. Während wiſſenſchaftliche Obliegenheiten ihn drängten, widmete er Monate hin⸗ durch mit einem für ſeine Geſundheit leider nur zu großen Eifer koſtbare Abendſtunden der Be⸗ rathung der Statutenveränderungen unſerer Creizenach⸗Stiftung, arbeitete ein Gutachten über die uns damals beſchäftigende Frage wegen Einführnng eines neuen deutſchen Leſebuches aus, übernahm auf meine Bitte die Abfaſſung einer Programmabhandlung ¹) und blieb überhaupt keiner unſere Schuler berührenden Frage fern. Nach ſolchem Tagewerk gehörten die Nacht und jede ſonſt freie Stunde ſeinen niemals unterbrochenen Studien.

Wenn er bei ſo übermäßiger Anſtrengung aller Geiſteskräfte aus der einſamen Höhe ſeiner Gedankenwelt zu uns herniederſtieg, durfte man keinen Augenblick vergeſſen, woher er kam und wer er war. Wer ihm in ſolcher Stimmung etwa wie Antonio dem Taſſo begegnete, lief Gefahr, mit ihm in Zweikampf zu gerathen. Richtiger war es, ſich hingebend und verſtändnißvoll ſein Weſen und ſeine Beſtrebungen immer gegenwärtig zu halten und dem tiefſinnigen Auge des hohen Mannes mit freundlichem Blicke zu begegnen. Wenn irgend Jemandem, ſo erwies ſich Ghm gegenüber die Wahrheit des Dichterwortes:

3 Die Freundſchaft iſt gerecht; ſie kann allein Den ganzen Umfang Deines Werths erkennen.

Und wie beglückte den bei allem Selbſtbewußtſein tief beſcheidenen Mann jedes Zeichen des Verſtändniſſes, jedes Wort der Anerkennung ſelbſt von denen, die geiſtig bei Weitem nicht an ihn hinanreichten! Der Umſtand, daß er nie die Würde eines hohen Amtes getragen, nie einer gelehr⸗ ten Körperſchaft angehört und ſich in Folge deſſen niemals in ausſchließlich gelehrten, überhaupt

¹) Dem verdanken wir die ſchöne Abhandlung:die deutſche Sprache als Unterrichtsgegenſtand an deutſchen

Schulen. Ein Separatabdruck iſt in den Buchhandel gekommen unter dem Titel: Ueber deutſche Schriftſprache

und Grammatik mit beſonderer Rückſicht auf deutſche Schulen von L. Geiger. Frankfurt a. M. 1870. F. B. Auffarth, 4*