Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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vember 1870), welcher eben damals hier eine weibliche Erziehungsanſtalt begründet hatte, war ein Mann, der mit ſeiner Bildung und Anſchauungsweiſe weſentlich in jener Epoche wurzelte, die man mit Recht die Mendelsſohn'ſche nannte; als Lehrer und Erzieher huldigte er Peſtalozziſchen Grund⸗ ſätzen, in ſeinem ganzen Weſen war er eine durchweg auf das Ideale gerichtete Natur. Neubürger unter⸗ richtete Geiger im Franzöſiſchen und Deutſchen, er wurde bald ſein väterlicher Freund. Aber den beleben⸗ den Mittelpunkt des Neubürger'ſchen Hauſes bildete die hochbegabte, geiſtvolle Frau Johanna Neu⸗ bürger. Mit ihr war Geiger's Mutter durch die Bande der innigſten Verehrung und Freundſchaft verbunden und in ihrem Hauſe erblühte dem Knaben in dem Verkehr mit Altersgenoſſen, zumal mit den Söhnen des Hauſes, mit denen ihn bald die mütterlich ererbte Freundſchaft verband, ein zauberiſches Paradies der Kindheit, in welchem all' ſein Dichten und Trachten dem Idealen zugewandt war. So war ihm das beneidenswerthe Glück einer fröhlichen, durch nichts getrübten, an mannigfach er⸗ weckenden und fördernden Einflüſſen reichen Knabenalters beſchieden.

Den Forderungen der Schule zu genügen war ihm nicht ſchwer. Klagte auch der Rechenlehrer zuweilen über den träumeriſchen Knaben, ſo gab es doch Andere, die keinen Tadel gegen ihn auf⸗ kommen laſſen mochten. Vor Allen erkannte Eberz früh ſeine ungewöhnliche philologiſche Bega⸗ bung. Die Klarheit des kaum dreizehnjährigen Knaben in der Auffaſſung grammatiſcher Beziehungen ſetzte ihn nicht ſelten in Erſtaunen; er widmete ihm beſondere Aufmerkſamkeit, war ihm bei der Auswahl einer angemeſſenen Lectüre mit ſeinem Rathe zur Hand und förderte ihn in jeder Weiſe. Bei Eberz las er zuerſt den Homer. Griff dieſer Dichter, deſſen er ſich bald ganz bemächtigte, in ein hohes Alterthum zurück, ſo war doch die Bibel viel älter, ſie war ihm überhaupt das älteſte Buch, ſie bildete den Ausgangspunkt aller ſeiner Betrachtungen.

In ſeiner früheſten Kindheit war er mit dem vollen Gefühl der Ehrfurcht von ſeinem Vater ſelbſt an dieſes heilige Buch herangeführt worden, um es in der Urſprache zu leſen und immer wieder zu leſen und das Höchſte und Heiligſte daraus zu empfangen: die Erkenntniß Gottes und ſeines Waltens, die Lehre der Wahrheit, die eine Richtſchnur ſein ſollte für ſein ganzes Leben, die Grundlage alles Wiſſens und aller Weisheit. Nicht lange und dieſer Unterricht erhob ſich über das Elementare: indem er auf die Lectüre der Commentare Raſchi's und Ihn Eſra's überging gewann er früh eine wiſſenſchaftliche Richtung, führte er wenigſtens zu eindringenden Erörterungen des Inhalts der Bibel und regte das Nachdenken und den Forſchungstrieb des Knaben an ¹).

Seine Sprachkenntniſſe erweiterten ſich dabei täglich. Des Hebräiſchen war er früh mächtig; ſchon der neunjährige Knabe machte glückliche Verſuche hebräiſche Briefe zu ſchreiben; das Chaldäiſche ſich anzueignen boten die Bibel ſelbſt und die, vielen Bibelausgaben beigedruckten Targume Gele⸗ genheit, und eine glückliche Entdeckung führte ihn bald weiter. Unter den Büchern ſeines Vaters fand er zwei Sammelbände, davon der eine eine Auſſchrift führte, welche für den auf die Erler⸗ nung aller Sprachen ausgehenden Knaben ſehr verlo ckend ſein mußte, nämlich:Alting Sprach⸗

¹) Treffend bemerkt mein Freund Dr. Roſin in ſeiner dem Jahresbericht des jüd.⸗theol. Seminars in Breslau 1871 vorgedruckten Abhandlung über ein Compendium der jüdiſchen Geſetzeskunde aus dem 14. Jahr⸗ hundert S. 5 ff., über den früheren jüdiſchen Jugendunterricht u. A. Folgendes: Der frühere jüdiſche Jugendunter⸗ richt hatte nur in ſeinen erſten Anfängen einen elementariſchen Character; im weiteren Verlaufe geſtaltete er ſich zu einem gelehrten Studium.... Die Schulen waren eine Art kleiner Academien, deren Lehrziel nicht von der Pädagogik begrenzt wurde, ſondern das Unbeſchränkte der Wiſſenſchaft war.