Zur Erinnerung an Lazarus Geiger.
Am 29. Auguſt 1870 ſtarb L. Geiger, ordentlicher Lehrer an unſerer Schule. Er ſtand eben in der Blüthe des Mannesalters, im zwei und vierzigſten Lebensjahre und im Beginn einer groß⸗ artig eingeleiteten literariſchen Thätigkeit. Bis zu ſeinem vierzigſten Lebensjahre hatte er nur ganz gelegentlich etwas drucken laſſen; ſein Name war bis dahin in der Gelehrtenwelt unbekannt. Da erſchien 1868 der erſte Band ſeines Werkes„Urſprung und Entwickelung der menſchlichen Sprache und Vernunft“ und ſogleich trat er damit in die Reihe der gelehrteſten Sprachforſcher und tiefſten Denker unſerer Zeit. Und nun zögerte er nicht ferner mit den reichen Ergebniſſen langjähriger, ernſter Geiſtesarbeit hervorzutreten. Nachdem er in ſeinem erſten Werke einen Theil ſeiner Aufgabe vollendet hatte, entwarf er in einem 1869 unter dem Titel„Urſprung der Sprache“ erſchienenen ſtattlichen Bande ein allgemeines Bild derſelben und ihrer letzten Ziele. Im folgenden Jahre, 1870 ſollte eine dritte Arbeit, eine Sammlung wiſſenſchaftlicher Vorträge, die Urgeſchichte der Menſch⸗ heit betreffend, erſcheinen. Sechs dieſer Vorträge waren bereits druckfertig; er war eben im Begriff eine Abhandlung, mit welcher der Band abſchließen ſollte, niederzuſchreiben ¹); auch ſchickte er ſich zu einer neuen, abſchließenden Durcharbeitung und Vervollſtändigung des faſt vollendeten zweiten Theiles ſeines Hauptwerkes an— da ſetzte der Tod dem raſtloſen Schaffen ein Ende.
Diejenigen, welche Geiger näher ſtanden und denen ein Einblick in die Werkſtätte ſeines geiſtigen Schaffens geſtattet war, hatten die Ueberzeugung, daß, wie ſein Sinnen und Denken und ſein ganzes Studium von Jugend an auf die höchſten Probleme gerichtet war, die je den menſch⸗ lichen Geiſt beſchäftigt haben, ſo er auch in hervorragendſter Weiſe berufen war, an deren Löſung zu
¹) Die ſechs Vorträge behandeln folgende Gegenſtände:
1) Der Farbenſinn der Alten und ſeine Entwicklung.
2) Ueber die Entſtehung der Schrift.
3) Ueber den Urſitz der Indogermanen.
4) Die Entdeckung des Feuers.
5) Die Urgeſchichte der Menſchheit im Lichte der Sprache mit beſonderer Beziehung auf die Entſtehung des Werkzeugs. 4 6) Die Sprachwiſſenſchaſt.— In einer ſiebenten Abhandlung beabſichtigte Geiger— im Gegenſatze zu Darwin,„welcher den poſitiven Fortſchritt der Natur aus natürlicher Auswahl erklärt“,(Geiger nennt dies eine myſtiſche Vorſtellung, die das eigentliche Geſchehen unerklärt läßt),„die Natur ſo zu einer großen Züchterin und die letzte Wirkung der Entwickelung gleichſam zu einem Reſultate ihrer ökonomiſchen Berechnung macht“ — ſeine Anſicht über„die Entwickelung der Arten“, wie er ſie in ſeinem Buche Urſprung der Sprache, Stuttgart,
Cotta 1869, S. 201 ff. angedeutet hat, weiter auszuführen und zu begründen. 4


