Aufsatz 
Binger Heimatgeschichte in lateinischem Gewand / für den Schulgebrauch zusammengestelt und erläutert von Studienrat J. Kohl
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in lateinischem Gewand 37

omnia vastavit ecclesiamque parochialem et capellas s. Spiritus ²), divorumque Christophori²), Nicolai!) et Aegidii⁰) penitus consumpsit atque in hora ex divitibus cives repente fecit pauperrimos.

4. Streit zwischen Bürgerschaft und Domkapitel Berthold von Henneberg(1486) ¹)

(Trithemius, Chron. Hirsaug. II, S. 526)

Anno item praenotato(1486) magna inter oppidanos Bingen- ses et dominos eorum, canonicos maioris ecclesias Moguntinae, fuit suborta dissensio propter venationes*) in nemore Bingionum, quarum usum a multis retro annis ³) oppidani(ut asserebant)) liberum semper habuerant et in possesione quieta. Contradice- bant his canonici et omnem eius venationem interdicentes hanc libertatem venandi non oppidanis, sed sibi, ut dominis eorum, solis competere asserebant. Interposuit Bertholdus archiepiscopus vices suas?) ad concordandum auditisque querelis partium) pro cano- nicis tulit sententiam?) et oppidanos non debere intendere vena- tionibuss) nec ius habere venandi penitus iudicavit. Hoc suum decretum litteris atque sigillis confirmatum partibus tradidit per- petuo observandum. Consensit absque voluntate) senatus, non iure sed iniura vociferans ¹⁰) iudicatum: cum(ut ipsi dicebant) a tempore, cuius initii nemini sit memoria, et ius venandi semper habuerint et usum. Non diu stetit violenta concordia ¹¹); dolentes

²) Die Heiliggeistkapelle befand sich früher mit dem alten Heiliggeisthospital auf dem Freidhof, etwa an der Stelle des heutigen Knabenschulhauses. ³) Die Christophoruskapelle verdankte ihre Entstehung dem Kloster Ravengiers- burg im Hunsrück; sie lag im Ravengiersburger Hof am unteren Ende der Mönchs-(heute Amts-)gasse. ¹) Die Nikolauskapelle gehörte der Schifferzunft und lag wahrscheinlich in der Gegend der heutigen Nikolausgasse.) Die Lage der Aegidiuskapelle ist unbekannt.

Waldstreit. ¹) Vgl. G. Erckmann, Der Binger Wald, S. 520 ff. Der Binger Wald wurde von Otto III. im jahre 096 dem Erzbischof Willigis zum Geschenk gemacht(s. Urkunde S. 27). Wie und wann er in den Besitz der Stadt Bingen gekommen ist, läſtt sich nicht mehr feststellen: sicher betrach- tete ihn die Stadt im Jahre 1304 als ihr Eigentum; denn damals gab sie einen Teil desselben, die Struth, der Gemeinde Oberheimbach unter gewissen Be- dingungen als Lehen. Im Jahre 1401 bestätigte Erzbischof Johann II. der Stadt Bingen ihre alten Privilegien, namentlich auch bezüglich des Waldes. Diese Urkunde lief neben anderen Urkunden der Stadt im Jahre 1752 das Dom- kapitel gewaltsam wegnehmen, wodurch es der Stadt unmöglich gemacht wurde, ihr Eigentum am Walde zu erweisen. Wie der Streit zwischen der Bürgerschalt und dem Domkapitel wegen der Hoheitsrechte und städtischen Freiheit, insbesondere wegen des Jagdrechtes im Binger Wald entstand, erfahren wir u. a. aus der angeführten Darstellung des Trithemius. Dieser Streit hatte langwierige Prozesse zur Folge und fand erst mit dem Ende der Domkapitelischen Herrschaft 1702 seinen Ausgang.*) venatio-= Jagd, Jagd- gerechtigkeit. ³) a multis retro annis= seit vielen Jahren rückwärts, seit langer Zeit.) asserere behaupten, erklären.) vices interponere= die Vermittlung übernehmen. ¹⁶) partes= Parteien.*) sententiam ferre= ent- scheiden.) venationibus intendere= es absehen, Anspruch erheben auf die Jagd.) absque voluntate= ohne, gegen s. Willen. ¹³⁰³) vociferare(ari) laut rufen. ¹¹) violenta concordia= das gewaltsame, erzwungene Ueberein-

ommen.