Jahrgang 
1874
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aus Cl. IIIc.: Theodor v. Gertell aus Braunſchweig nach Blankenburg, Rudolf Wendeburg aus Druffelbeck bei Gifhorn auf das Gymnaſium zu Salzwedel;

F. Chronik des Gymnaſiums von Oſtern 1872 bis Oſtern 1874.

Wir beginnen unſern Bericht von den Schickſalen des Gymnaſiums in den beiden letzten Jahren mit einem Worte der Trauer. Der Tod hat einen Amtsbruder aus unſerer Mitte genommen, den wir alle ſchätzten und liebten. Unſer Heller iſt in die Gruft hinabgeſtiegen. Es treibt uns das Herz, auch an dieſer Stelle ſeiner Freundſchaft zu gedenken, nachdem am Grabe des Verblichenen College Steinmeyer ein zwiefach Todtenopfer ihm geſpendet.

Heller iſt im Jahre 1810 zu Braunſchweig geboren. Sein Vater war ein armer, aber fleißiger Damaſt⸗ weber. Obgleich ſelber einer gelehrten Bildung fernſtehend, wußte er doch den hohen Werth derſelben zu ſchätzen und übergab daher den zwölfjährigen Sohn, welcher bis dahin die Daubert'ſche Schule beſucht hatte, dem Gymnaſium zur weiteren Ausbildung und Erziehung. Unter Friedemanns und Krügers Auſpicien hat Heller die Anſtalt beſucht. Beide betrachteten mit regem Intereſſe die ſchnellen Fortſchritte des ſtrebſamen und talent⸗ vollen Schülers. Schon hatte Heller ein Jahr in Prima geſeſſen, ſchon hatte er das Studium der Philologie als ſeine Lebensaufgabe ins Auge gefaßt, da kamen ihm Zweifel, ob er auch im Stande ſein würde, ſich die materiellen Mittel zur Ausführung ſeines Planes zu verſchaffen. Dieſe Zweifel ſteigerten ſich zur Verzweiflung, als Männer, deren Rath ihm alles galt, ihm alles gelten mußte, ihn, den Mittelloſen, von ſeinem Vorhaben abzuſchrecken ſuchten. Er verließ das Gymnaſium mit weinendem Auge und blutendem Herzen und wurde Schriftſetzer, derſelbe Menſch, welcher noch vor Kurzem dem ſüßen Sang der Homeriſchen Muſe gelauſcht. Doch die Liebe zur Wiſſenſchaft glühte heimlich fort in ſeiner Bruſt, und nach einem nur halbjährigen Exil kehrte er zurück in die geliebten Räume des Gymnaſiums zur größten Ueberraſchung ſeiner Lehrer ſowohl als ſeiner Eltern, die nichts davon geahnt hatten. So viel ſtand ihm nunmehr feſt, daß er Philologie ſtudiren werde, es komme, was da wolle. Allein die eigentliche Schwierigkeit war ja keineswegs gehoben. Woher das leidige Geld nehmen? Endlich erlangte er ein mäßiges Stipendium, und nun ging er, zwanzig Jahre alt, nach Göttingen, der geliebten Wiſſenſchaft ſich mit Entzücken in die Arme werfend. Im Jahre 1836 treffen wir ihn als Collaborator im braunſchweigiſchen Staatsdienſt wieder; 1846 avancirte er zum Oberlehrer und vier Jahre ſpäter, alſo bereits vierzig Jahre alt, trat er in den Stand der Ehe. Bis dahin hatte er ſeine armen und ſchwachen Eltern zu erhalten; und er hat dieſes gethan mit der ſelbſtloſen Aufopferung und der liebenden Hingebung eines echten Muſterſohnes.

Was Heller als Lehrer war, wiſſen alle, die ſeine Schüler ſich zu nennen das Glück hatten. Er beſaß jenes unverwüſtliche Wohlwollen, welches der Grundton ſein ſoll in der Seele eines jeden Lehrers. Dazu war ihm ein ungemein ſicheres Wiſſen eigen, namentlich auf grammatiſchem und lexicaliſchem Gebiete. Aber er war auch ein ſinniger Interpret des alten Homeros, deſſen naive Einfachheit mit ſeinem eignen, kindlichen Gemüthe ſchön harmonirte. So entfaltete er eine fruchtbare und ſegenbringende Wirkſamkeit, bis jene mör⸗ deriſche Krankheit ihn aufs Sterbebette warf. Der 27. Februar des Jahres 1873 iſt ſein Todestag.

Ein Jahr ſpäter haben ihm ſeine dankbaren Schüler einen Denkſtein errichtet auf ſeinem Grabe; aber das ſchönſte Denkmal hat er ſich ſelber geſetzt in unſer aller Herzen.