Beitrag zur Behandlung der dramatischen Lektüre. I.
Von
Oberlehrer Hermann UÜnbescheid.
Das dramatische Kunstwerk muss dem Schüler stets mit Rücksicht auf die Gesetze erläutert wer- den, an welche dasselbe gebunden ist; denn durch die Kenntnis dieser Gesetze wird er zugleich in den Geist der Dichtung eingeführt.
Der deutsche Unterricht in den oberen Klassen höherer Bildungsanstalten bedingt auch die Lektüre klassischer Dramen.“ Jeder Lehrer, der mit demselben betraut ist, wird bemerkt haben, wie lieb Lernen- den gerade die Lektürestunde zu sein pflegt: der hohe Reiz der dramatischen Dichtung an und für sich, die mächtige Gefühlswelt grosser Menschen, die in der edelsten Sprache zum Ausdruck kommt, üben weihe- voll stimmenden Einfluss auf dieselben; für die Lehrenden selbst aber giebt es wohl kaum eine anziehen- dere Aufgabe, als die höchsten Gebilde der Kunst der Jugend nahe zu rücken; denn hier genügt nicht, was sonst in der Hauptsache den Unterricht erspriesslich macht: Gründlichkeit der Vorbereitung, Gewandt- heit und Schärfe der Entwicklung— die Erfahrung wird vielmehr jedem bestätigt haben, dass man immer wenigstens etwas von dem starken Gefühl, das die Personen eines Dramas kennzeichnet, ja von dem Empfinden des Dichters in dem Augenblick der Interpretation in sich tragen muss, um verständlich zu werden. Wenn daher in den nachfolgenden Zeilen einer Behandlung der Lektüre das Wort geredet werden soll, die, was jene Erfahrung lehrt, zur Voraussetzung hat, so weiss sich der Verfasser in diesem Punkte von vornherein in Ubereinstimmung mit den Fachgenossen: aber es ist zugleich seine Überzeugung, dass nur auf diese Weise der Anziehungskraft, welche die Erzeugnisse der dramatischen Dichtkunst in so hervorragendem Masse auf die Jugend zu üben pflegen, auch zielbewusste Richtung gegeben werden kann.
Es ist gebräuchlich, mit verteilten Rollen zu lesen, und dieser Gebrauch wird um so grösseren Nutzen stiften, wenn den Schülern zur Pflicht gemacht wird, vorher sich gehörig in ihre Rollen zu ver- tiefen. Aber eine dramatische Dichtung so wiedergeben zu lernen, dass der Vortrag ebenso weit entfernt ist von einem Suchen nach schauspielerischem Pathos als von gedankenlosem Ablesen,“ bleibt, so wenig dies auch nur einen Augenblick unberücksichtigt bleiben darf, doch nur Nebenzweck: selbst die beste Vortrags- weise steht ja immer hinter einer künstlerisch trefflichen theatralischen Aufführung zurück; nicht selten, besonders in grossen Städten, bringt der reifere Schüler schon ein lebendiges Bild einer geschauten Dar- stellung des Stückes mit. Die dramatische Lektüre in der Schule wird ihm also einen Vorteil zu gewähren haben, der ihm nirgends sonst so leicht geboten werden kann: Einblick in das Schaffen des dichterischen Genius und dann als wertvollen Gewinn die Erkenntnis, dass die vollendetsten Schöpfungen der übrigen Künste nicht, wenigstens nicht in so mannichfach geistiger Beziehung, so getreue Spiegelbilder der erlangten Vollkommenheit eines Volkes sind als dessen klassische Dramen, eben weil diese die höchste Kunstgattung repräsentieren. Der genannte Zweck wird aber nur erreicht werden, wenn das philologische Interesse an dem Werke sowie die Heranziehung des litterar-historischen Materials, obgleich die vollständigste Souveränität des Lehrenden auch auf diesen Gebieten nur nützlich ist, ja der Erläuterung desselben Grund und Boden geben muss, in der deutschen Lektürestunde in sehr bescheidene Grenzen zurückgehalten werden. Wer von den Schülern seine Klassiker nach dieser Seite hin auch kennen lernen will, mag dies privatim thun; der Lehrer
1) Schulen, die nicht das Bildungsziel höherer Anstalten verfolgen, haben sich mit den Erzeugnissen der Epik und Lyrik zu begnügen. Da ferner in einer der Sekunden UÜbertragungen mittelhochdeutscher Dichtungen gelesen werden, gegen die Lektüre von Dramen in Untersekunda mit Recht Bedenken erhoben werden kann, so dürften eigent- lich nur U. I und O. I in Betracht kommen, wenigstens ist bei den nachfolgenden Erörterungen hauptsächlich an diese Klassen gedacht worden.
2) Abgesehen davon, dass in diesen Fällen ja stets die Korrektur des Lehrers eintreten wird, empfiehlt es sich, dass womöglich durch ihn hervorragende Stellen zu Gehör gebracht werden.
1


