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Es findet in unsern Tagen wieder immer allgemeinere Anerkennung, welch ein wirksames Mittel zur Erweckung frommer Andacht, aufser dem rei- nen vierstimmigen Choral, in den liturgischen Antiphonien liegt, von denen ein einziges Halleluja oder Kyrie eleison oft mehr erhebende Kraft auf das Gemüth äufsert, als selbst die beredteste Belehrung nnd Ermahnung. Der Vater der deutschen Reformation, welcher nach dem Ausspruche der Gegner auf ihrem Standpunkte durch seine Gesänge mehr Seelen ins Verderben ge- stürzt, als durch alle seine Predigten, wollte, daſs bei den Andachtsübungen die Künste nicht fallen, sondern gebraucht werden sollten zur Ehre defs, der sie gegeben. Wenn der Herold der schweizerischen Kirchenverbesserung die Unangemessenheit des liturgischen Gesanges zu zeigen suchte, indem er eine Vorstellung gegen die kirchlichen Miſsbräuche seiner Obrigkeit vorsang, so identificirte er die Absicht eines Gesuches mit dem Zwecke eines Gebetes und die Curie mit dem Münster und den blofsen Verstand mit der ganzen Natur des Menschen. Das christliche Alterthum sei auch hier Vorbild; nur werde das Christliche nicht in dem Obsoleten, noch das Evangelische in dem Solö- cismus des lyrischen Ausdrucks gesucht, wodurch man dem Spötterstrome neue Quellen öffnet.
Neben den geforderten Arbeiten, welche sich aus vorstehenden Anfüh- rungen ergeben, bestanden dieselben hei dem fleifsigeren Theile unserer Gym- nasiasten noch aus folgenden frei gewählten: 1. in der Privat-Lectüre latei- nischer, griechischer und deutscher, auch französischer Schriftsteller; 2. in lateinischen, deutschen und französischen metrischen Ubersetzungen oder ein- zelnen Versuchen von Reden und Gedichten, namentlich für die öffentlichen Rede-Acte und Disputationen. Besonders lieferten Secundaner aus der Aeneide bis 300 deutsche Verse, Tertianer aus Ovids Tristien bis 250; Quartaner aus Phädrus; 3. im Memoriren gelesener Stellen, besonders lateinischer Verse, Tertianer aus den Tristien bis 200 Verse, auch deutscher Gedichte aus Oltrogge, wie französischer Wörter. Casselmann aus Rinteln und Deichmann aus Polle im Han. zeichneten sich als mathematische Repetenten aus.


