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[2] (1894) Zur indogermanischen Syntax : Fortsetzung / von Heinrich Winkler
Entstehung
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bin voll Besorgnis kämst Du doch erst!= ich fürchte, Du wirst wohl nicht kommen. Auch ein non timeo, ne non venias ruht auf derselben Grundlage und bietet keinerlei Schwierigkeiten: ich bin(gar) nicht in Besorgnis dass er nur nicht etwa nicht kommt!

Wesentlich verschieden von den Finalsätzen sind der ganzen Auffassung nach trotz der scheinbar gleichen Coniunction die Consecutivsätze. Wie anders dieses ut aufzufassen ist, mag schon die Form der Negation= ut non(nicht ne) zeigen. ut heisst hier wie im relativen Sinne. Tam laute vivit(vivebat), ut invidiam effugere non possit(posset)= er lebt so üppig, wie er wohl der Missgunst nicht entgehen könnte(hätte entgehen können).

Das über ne Gesagte wird auch bestätigt durch gewisse mehr sporadisch vorkommende coniunctionale Verbindungen, wo trotz des scheinbar ganz abweichenden Sinnes doch ursprünglich klar die Idee eines Wunsches vorlag. So heisstoderint, dum me metuant= sie können(mögen) mich hassen, wenn sie mich nur fürchten, aber dieses dum(wenn... nur) ist keineswegs con- ditional, sondern reine Wunschpartikel, ebenso wie wenn nur in Wunschsätzen, Zz. B. wenn er nur käme! Dabei ist dum ebenso klar temporal wie wenn. Deshalb ist die Negativform dum ne. Noch klarer ist derselbe Fall in der Verbindung mit modo oder gar dummodo; modo hoc faciat= nur möge er das thun= wenn er das nur thut, modo ne faciat= nur möge er es nicht th., wenn er es nur nicht thut. Man darf nicht vergessen, dass auch im Deutschen hier schliesslich wie im Lateinischen der Sinn eines Wunsches zurücktritt, und die Verbindung eine gewissermassen zweifelnd conditionale wird. Selbst in nedum= geschweige denn dass ist der ursprüngliche Sinn eines negativen Wunsches zwar stark verdunkelt, aber noch erkennbar; es heisst eigentlich: dass ja nicht einmal! Man kann es etwa unserem wo nicht gar, warum nicht garJl vergleichen.

Das Griechische ist in der Anwendung der Coniunctionen schon darum wesentlich verschieden vom Deutschen und Lateinischen, weil es über einen Optativ oder Potential verfügt, welcher höchst wirkungsvoll verwertet wird; aber es sei daran erinnert, dass dieser Modus hier in erster Linie den Potential vertritt, d. h. direct an dessen Stelle verwendet wird, nicht den Optativ im eigentlichen Sinne; hierdurch werden viele Erscheinungen erklärt. Dazu kommt, dass sich das Griechische über- haupt in der Wahl der Tempora und Modi einer erstaunlichen Beweglichkeit erfreut, weit entfernt von der Starrheit des Latein, wenigstens soweit dieses als mustergiltig angesehen zu werden pflegt; es erinnert darin wie in der ganzen Satzbildung ungleich mehr an die Freiheit und oft Kühnheit des deutschen Ausdrucks. Auch das trägt dazu bei, die Verhältnisse weniger einfach erscheinen zu lassen, dass pbif keineswegs den rein prohibitiven Character beibehält, sondern die Negativpartikel der Abhängigkeit ist; derart, dass im abhängigen Satzteile eigentlich nur brj angebracht ist, ausser wo direct, wie in den Folgesätzen mit dem Indicativ, hervorgehoben werden soll, dass es sich um etwas Thatsächliches handelt; ähnlich ist es in den Erläuterungssätzen mit ér¹, wo ebenfalls odò steht, gleichviel, ob der Indicativ oder Optativ angewendet wird; diese Sätze entsprechen eben völlig den einfachen Aussagesätzen, welche ebenfalls haben, gleichviel ob sie die Form der vollen Bestimmt- heit an sich tragen und den Indicativ zeigen, oder die unbestimmtere, potentiale des Optativ; der einzige Unterschied liegt darin, dass sie durch örte mit dem regirenden Satzteile verknüpft sind.

Bei den temporalen Sätzen muss streng unterschieden werden, je nachdem es sich um blosse Zeitbestimmung handelt, oder andere Gesichtspunkte wie der der Wiederholung oder der Ver- allgemeinerung mit in Betracht kommen. Bei reiner Zeitbestimmung steht einfach überall der Indicativ ausser etwa da, wo wir ein futurum exactum erwarten, welches durch eine Umschreibung erzielt wird. Sobald aber zugleich mit der Bezeichnung der Zeit die Idee der Wiederholung oder Verallgemeinerung zu ihrem Rechte kommen soll, gelten einfach die Grundsàtze, welche überhaupt beim Relativ in Geltung sind für diesen Fall. Bezieht sich der Gedanke auf die Gegenwart, so hat der Relativ- oder Coniunctionalsatz den Coniunctiv des Präsens, aber in Verbindung mit éy; der Sinn ist: wer immer etwa das thun mag wann immer etwa das geschehen mag wenn das geschieht(und es steht