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2 (1877) Der lateinische Stil im Gymnasium
Entstehung
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lateiniſchen Stils immer nur die ſein kann und darf, ſeine Sprache nach einer beſtimmten Norm zu bilden, nicht ſchöpferiſch frei zu geſtalten, und daß deshalb bei Allem, was er nachbilden ſoll, das Vorbild ſo nahe als möglich geſtellt werden muß. Der Arbeitende fühlt ſich Gewohntem gegenüber ſicher, er bewegt ſich leichter und freier und darf erwarten, ein beſtimmtes Ziel bei Fleiß und Aufmerkſamkeit zu erreichen. Nur iſt ſtrenge darauf zu halten, daß der aus der Lectüre erhaltene Sprachſchaz allſeitig zur Anwendung gelange: dies iſt einzig möglich, wenn die betreffenden Arbeiten von jedem Lehrer zuſammen⸗ geſtellt werden; jedenfalls müßte dies für die Schularbeiten als Regel gelten. Der hiebei häufig gehörte Einwand von Nichtkönnen und Nichtwollen der Lehrer beruht doch wol auf nicht genügender Erfahrung, vielleicht auch nicht gehöriger Conſequenz. Ich habe immer gefunden, daß dieſe Hinderniſſe leicht zu be⸗ ſeitigen und daß insbeſondere treuer Fleiß und gewiſſenhafte energiſche Thätigkeit immer noch Vorzüge des größten Theiles unſerer Gymnaſiallehrer ſind.

Es muß aber auch ſchon auf dieſer Stufe den Schülern von Zeit zu Zeit Gelegenheit geboten werden, ſich im freien Gebrauche der Sprache zu verſuchen. Am beſten geſchieht dies in der einfachen Art, daß eine Epiſode aus der Lectüre, die nicht zu fern liegt, von ihnen frei nach der Erinnerung, welche ſie bewahrt haben, dargeſtellt wird. Im Anfang des Tertiacurſes werden dieſe Verſuche ſich an Cäſar allein anlehnen, gegen Ende wird auch eine kleine Erzählung des Ovid zur freien Nacherzählung gegeben werden dürfen.

Bezüglich der Correctur, für welche das von Schrader bei Beſprechung des lateiniſchen Unter⸗ richtes der Tertia angegebene Verfahren unbedingt empfehlenswerth iſt, ſei es geſtattet nur auf zwei Punkte näher einzugehen. Es ſcheint durchaus nicht gleichgültig zu ſein, ob die in der Beſprechung mit der Klaſſe herausgearbeitete versio emendata von einem Schüler oder von dem Lehrer gegeben wird; das leztere ſollte vielmehr immer geſchehen, denn nur dadurch bekommt der Schüler den vollkommenſten Eindruck einer gelungenen Leiſtung deſſen, was er ſelbſt nur mangelhaft zu erreichen vermochte, während die meiſten Schülerleiſtungen dieſen Eindruck nicht hervorbringen können. Die häusliche Correctur aber ſollte von Unterſecunda an, wenigſtens für die Klaſſenarbeiten, regelmäßig eine nochmalige Bearbeitung liefern, da es hier auf ſtiliſtiſche Durchbildung, nicht mehr auf das Vermeiden einzelner Fehler ankommt; auch muß eine raſche Controle über die Aneignung des in jeder Arbeit niedergelegten Sprachſtoffes regel⸗ mäßig eintreten; ſogar ein wörtliches Auswendiglernen dieſer Arbeiten iſt ohne Bedenken, wenn der Lehrer in ſeinem Texte ſich enge an das Original angeſchloſſen hatte.

Wird der Unterricht in der dargelegten Weiſe als ein einheitlicher aufgefaßt und betrieben und haben die Lehrer des Gegenſtandes das volle Verſtändniß für ihre Aufgabe, ſo ſind beſondere deutſche Uebungsbücher auf den unteren Stufen entbehrlich, und es ſollte jedenfalls angeſtrebt werden, dieſelben allmählich überflüſſig zu machen; ob und wann dies geſchehen kann, muß ſelbſtverſtändlich der Entſcheidung jeder Anſtalt überlaſſen werden. Wo ein Uebungsbuch benuzt wird, ſollte dasſelbe möglichſt früh zu⸗ ſammenhängende Stücke enthalten. Sammlungen von Beiſpielen für einzelne Regeln der Grammatik haben höchſtens für Beſchaffung geeigneten Materiales in der Hand des Lehrers ihren Werth; werden ſie von den Schülern benüzt, ſo iſt die Zerreißung des Unterrichts in verſchiedene, mehr oder minder ſelbſtändige und disjecte Glieder die notwendige Folge. Auch der ſolchen Büchern in der Regel vindicirte Nuzen für Zeiterſparniß rückſichtlich der Hausaufgaben erweiſt ſich bald als illuſoriſch; wenn eine Sammlung nur erſt ein paar Jahre an einer Schule im Gebrauche iſt, ſo vererben ſich geſchriebene Ueberſezungen, welche durch keine Vorſicht gänzlich ferngehalten werden können.

Daß die für die unteren Stufen geforderte Betreibung des lateiniſchen Unterrichtes im Principe auf der oberen Stufe fortzuſetzen ſei, verſteht ſich eigentlich von ſelbſt; die Veränderungen ſind mehr quantitativer als qualitativer Art.