Gellerts älteste Fabeln.
Aus den„Belustigungen des Verstandes und des Witzes“
gesammelt und herausgegeben „ Anf von 58 Dr. Hugo Handwerck. ſ. I. — S II. Teil. ¹) 13.
Der Täuber.(Belust. 1742 B, S. 191.) Ein Täuber gieng ſchon längſt der ſchönſten Taube nach, Die ihm nur mehr gefiel, je mehr er mit ihr ſprach, Und die aus Blick und Gang das ſelbſt errathen ſollte, Was mündlich zu geſtehn, die Scham nicht leiden wollte.
5 Einſt geht der Flug ins Feld, da wagt er ohne Kunſt, Halb ſtotternd, halb verzagt den Antrag ſeiner Brunſt, Fängt zehnmal zärtlich an, bleibt zehnmal ſchamroth ſtecken, Eh ſich der Mund vereint, ſein Herze zu entdecken.
O! ſpricht die Taube bald: Ich bin ein muntres Weib,
10 Du biſt verzagt und ſcheu, und nicht mein Zeitvertreib, Geh, werde frey und froh, und komm mit muntern Trieben; Alsdann erzähle mir von deiner Glut im Lieben.
Der Täuber glaubt dem Rath, und ſicher vor Betrug, Eilt er zehn Tage lang zu jedem nahen Flug,
15 Um durch den Umgang frey, und munter in Gebehrden, Kurz; artig, aufgeweckt und recht gewandt zu werden. Dann prüft er ſein Geſchick mit größter Dreuſtigkeit.
Ol! ſpricht die ſchöne Frau, du irreſt noch zur Zeit, Du ſcheinſt mir frech, nicht frey; du haſt mich nicht verſtanden,
20 Und machſt durch eigne Schuld dein ganzes Glück zu Schanden. Wer mich gewinnen will, Freund, nimms genauer ein, Muß nicht zu unverſchämt, auch nicht zu blöde ſeyn.
Der Täuber geht beſtürzt, und übt mit beſſerm Grunde
Den räthſelhaften Spruch aus ſeiner Schönen Munde. 25 Ein Monat ſtreicht dahin, nachdem er unverzagt,
Auf glücklichern Erfolg, den dritten Antrag wagt.
O! rief die Taub ihm zu: Nun haſt du mich getroffen;
Doch eines thue noch, ſonſt haſt du nichts zu hoffen,
Geh, hole meinen Mann, ſcheint dir es nicht zu hart, 30 Und ſage, was du ſuchſt, in ſeiner Gegenwart.
O ſtreicht den Titel aus, ſprach Thais jüngſt im Leſen, Denn man erräth es doch, wer dieſe Frau geweſen. Nur Tauben können bloß voll ſolcher Einfalt ſeyn. O führte jede Frau das ſchlimme Schicken ein, 35 Wie vielmal müßten wir vom Rathhaus, Wein und Gaſſen, Und aus der Kirche ſelbſt die Männer holen laſſen.
1) Der 1. Teil dieses Neudrucks ist 1904 als Programm des Kgl. Gymnasiums zu Marburg erschienen. (Vgl. G. Ellinger in der Zs. f. d. Ph. Bd. 38, S. 372.)


