Teil eines Werkes 
Vierter Band (1812) Kurze Darstellung der Napoleonischen Civil-Gesetzgebung in Beziehung auf die Rezeption des Code Napoléon in teutschen Landen 1809
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Erbloſſer, wäre er noch am Leben, das ſiebenzigſte Lebensjahr wuͤrde zuruͤckgelegt haben

Dagegen iſt nach dem erſten Syſtem die Frage: wer ihn beerbe, nach der Epoche zu beſtimimen, wo man teine Nach⸗ richten von ihm erhalten hat.

Nach der zweiten ſind die erhebenden Individuen nach

der juriſtiſchen Fiction ſeines Todesjahrs oder nach der Frage,

zu beſtimmen, wer ihn wenn er grade am Schluſſe des ſiebenzigſten Lebensjahrs dieſen irdiſchen Schauplatz verlaſſen hatte wuͤrde beerbt haben.

So iſt die beruͤhmte Controverſe uͤber die Beerbung des

Verſchollenen ex tunc oder ex nunc conſtruirt eine Con⸗ troverſe, an welcher der juriſtiſche Scharfſinn ſich ſeit Jahr⸗ hunderten vergeblich erſchoͤpft. Fragt man wie es zu halten ſey wenn der Ver⸗ ſchollene der juriſtiſchen Fiction zum Trotz das ſiebenzigſte Le⸗ bensjahr uͤberſchreitet und im Lande der Lebendigen, aus wel⸗ chem ihn die Richter unter der Autorität der Praxis aus⸗ gewieſen hatten wieder auftritt? Wer ihm ſein Vermoͤgen zuruͤckgebe? Ob er von der Gnade ſeiner zudringlichen Stell⸗ vertreter abhange? Wie ihm zu helfen ſey, wenn dieſe in der Zwiſchenzeit ſein Vermoͤgen durchgebracht haben? ſo bleibt man ohne Antwort. Auf dieſen ſehr möglichen Fall hatte die Prapis nicht gedacht.

Fragt man endlich, warum denn grade die juriſtiſche Fie⸗ tion auf das ſiebenzigſte Jahr verfallen? warum ſie da dieſes Jahr bei weitem nicht das Ziel der moͤglichen Dauer des menſchlichen Lebens bezeichnet nicht eine ſpätere Epo: che waͤhle? ſo wird man an den Sänger der Pſalmen, David, verwieſen, welcher ſeine Zeitgenoſſen und die Nach⸗ welt belehrt habe, daß das Leben des Menſchen ſiebenzig Jah⸗ re währe*)

Freilich hatten Inſtinian und Ulpian eine andere Anſicht. Sie beſtimmten die laͤngſte Lebensdauer auf hundert Jahre**); nach dieſer juriſtiſchen Fietion verordnete das Pandectenrecht, daß unſterbliche moraliſche Perſonen bei einem ihnen hinterlaſ⸗ ſenen Uſufruct hundert Jahre geſchutzt werden ſollten.

Allein dieſe Lehre ſchien der Praxis fuͤr die Erben des Abweſenden zu troſtlos. Da das roͤmiſche Geſetzbuch keine

*) Pſalmen RC. 10.

**) fl. VII. 1 de usufructu et quemadmodum quis utatur ftua- tur fr. 55. Placuit autem centum annis tuendos esse mur cipes: quia is finis virae longaevi hominis est.

c. 1. a. de S. Z. eccles. e a3 3