Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Populaire Medicin. Hygieine.

Atmoſphäriſche Einflüſſe und die entſprechenden phyſiologiſchen Vorgänge und anatomiſchen Einrichtungen im menſchlichen Körper.

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Der Menſch lebt nicht von Brod allein dürfen wir hier, zwar in einem anderen, aber nicht minder wahren Sinne ſagen und als eine der unentbehrlichſten Ergänzungen der menſchlichen Lebensbedürfniſſe zunächſt die Luft anführen und an die Spitze unſerer hygieniſchen Excurſionen ſtellen. Wie oft der Einfluß der Luft auf unſer Leben unterſchätzt wird, beweiſt die Redensartnicht von der Luft leben kön nen, beweiſen die vielfachen Vergehen gegen die eigene Geſundheit, durch Nichtbeachtung der Wirkungen und Be⸗ ziehungen der Luft auf unſeren Körper und der durch ſie vermittelten Einflüſſe, der Temperatur, des Lichts 2c. Die Luft liefert vermöge ihrer chemiſchen Zuſammenſetzung die für den Stoffwechſel des organiſchen Lebens (Thiere und Pflanzen) nothwendigen luftartigen Elemente, ſie vermittelt die Vertheilung der Wärme, der Feuchtigkeit, des Lichtes, der Electricität, die Fortpflanzung des Schalles und wird dadurch zu einem eben ſo vielartig als mächtig wirkenden Agens, deſſen Einflüſſe um ſo ſtärker und klarer hervor treten, je mannigfaltiger gegliedert und feiner conſtruirt der Organismus iſt, auf welchen ſich ſeine Wirkungen er⸗ ſtrecken. Dies tritt nun im höchſten Grade bei dem Men⸗ ſchen ein. Die geſammten Einflüſſe der Luft auf denſelben, theils die unmittelbaren durch ihre chemiſche Zuſammen⸗ ſetzung, ihren Druck, ihre Bewegung, theils die vermittel⸗ ten, Temperatur, Feuchtigkeit, Licht, Electricität, heißen atmoſphäriſche, weil das ganze Luftmeer, welches unſere Erde von allen Seiten umgiebt und in deſſen unterſten Schichten wir leben, Atmoſphäre (Dunſtkugel) genannt wird. Wir heben in Folgendem bei der Betrachtung der atmoſphäriſchen Erſcheinungen nur die heraus, welche nach dem jetzigen Stande unſerer Kenntniſſe zu den phyſiologi⸗ ſchen Vorgängen im menſchlichen Körper (den Lebenser⸗ ſcheinungen) und zu ſeiner Geſundheit nachgewieſenermaßen oder doch vermuthlich in engerer Beziehung ſtehen, während wir Diejenigen, deren Einflüſſe auf den Menſchen noch in keiner Weiſe gekannt ſind, mit Stillſchweigen übergehen. Leider fehlen uns oft aber auch bei den Erſcheinungen der erſteren Art die verbindenden Mittelglieder, welche uns den urſächlichen Zuſammenhang zwiſchen ihnen und den Vor gängen in unſerem Körper völlig klar zu machen geeignet wären und wir werden uns daher häufig begnügen müſſen, ſtets neben- und nacheinander beobachtete Thatſachen in gleicher Weiſe mitzutheilen, ohne die Erklärung ihres Zu⸗ ſammenhanges geben zu können. Beſonders trifft dieſe Be⸗ merkung die Lehre von den Krankheitsurſachen (Aetiologie), welche in atmoſphäriſchen Einflüſſen begründet ſind, und es kann zumal der mediciniſche Laie nicht genug gewarnt werden, vorſichtig mit derartigen Schlüſſen zu ſein, wofür ſich uns bei ſpäterer Gelegenheit (z. B. Erkältung und Er⸗ kältungskrankheiten) hinreichend Beiſpiele bieten werden. Eine beſondere Schwierigkeit in der Beurtheilung der Wir⸗ kung der atmoſphäriſchen Einflüſſe (der wohlthätigen ſowohl als der ſchädlichen) erwächſt aus dem Umſtande, daß die⸗ ſelben nie vereinzelt, ſondern immer gleichzeitig mehrere zu⸗ ſammen wirken, wodurch der eine durch den anderen eben ſowohl verſtärkt, als geſchwächt oder auch aufgehoben wer den kann, und es nur in wenig Fällen möglich iſt, den

Antheil des einzelnen an der Geſammtwirkung zu beſtim men. Es ſind die Verhältniſſe eben ſo ſehr complicirt, daß nur Der, der keine Kenntniß von den Schwierigkeiten hat, ſich wundern kann, warum man dies und jenes noch nicht wiſſe oder mit ſeinem Urtheile ſchnell fertig iſt, wo der Einſichtsvolle in rathloſem Zweifel ſteht.

Es iſt verhältnißmäßig ſpät erſt gelungen, die chemiſche Zuſammenſetzung der Luft kennen zu lernen. In dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurden die Be⸗ ſtandtheile derſelben, der Sauerſtoff und Stickſtoff, entdeckt, und durch die Unterſuchungen von Dumas und Bouſſingault ward das Verhältniß der beiden Gasarten zu einander beſtimmt. Durch dieſe, ſowie vielfache ſpätere an Luft der verſchiedenſten Orte vorgenommen Analyſen iſt gefunden worden, daß dieſelbe aus 23 Gewichtstheilen Sauer⸗ ſtoff und 76 Gewichtstheilen Stickſtoff oder 21 Raumtheilen Sauerſtoff und 79 Raumtheilen Stickſtoff beſteht. (Dieſe Verſchiedenheit der Zahlen rührt, wie leicht erſichtlich, eben daher, daß der Sauerſtoff etwas leichter iſt als der Stick⸗ ſtoff.) Dieſes Verhältniß bleibt unter allen Umſtänden daſſelbe und iſt weder nach Zeit noch Ort ſchwankend, man mag die zu unterſuchende Luft aus der Mitte großer Städte, oder von der Flur des freien Landes, aus einem Gebirgs⸗ thale, oder von einer Hochebene, von dem Meere oder den Gipfeln der Alpen nehmen und es iſt alſo eine Entmiſchung (Verſchlechterung) der Luft in dieſem Sinne, wie gemeinig lich geglaubt wird, nicht die Urſache von ihrer größeren oder geringeren Geſundheit oder abſoluten Schädlichkeit für das Athmen. Ein conſtanter Begleiter der Luft iſt die Kohlenſäure; ſie wird durch die Athmung, durch die Verbrennungsprozeſſe und ſonſt noch auf vielfache Weiſe erzeugt. Doch iſt ihre Menge in der freien Luft außer ordentlich gering, da ſie durchſchnittlich nur /½0,000 Raum⸗ theile der atmoſphäriſchen Luft beträgt. In großer Höhe ſteigt der Kohlenſäueregehalt der Luft etwas, ſowie ihre Menge in den Luftſchichten, in welchen wir leben, nach den Tageszeiten kleinen Schwankungen unterliegt, um Mitternacht ihren höch⸗ ſten, um Mittag ihren niedrigſten Stand erreicht. Doch be tragen dieſe Unterſchiede ebenfalls nur 12 Zehntauſendſtel und iſt ihre Menge in freier Luft faſt eben ſo beſtändig, als die Zuſammenſetzung der Luft ſelbſt. Anders verhält es ſich jedoch in geſchloſſenen Räumen; hier kann der Kohlen⸗ ſäuregehalt der Luft bedeutend ſteigen und dadurch dieſelbe für das Athmen unzulänglich, ſelbſt abſolut ſchädlich machen. Schon 100 (oder 1 Procent) Kohlenſäure machen die Luft unfähig, Wohlbefinden und Leben längere Zeit hindurch zu unterhalten. Wie oft aber gegen dieſe Erfahrung ge ſündigt wird, beweiſen die zahlreichen Unterſuchungen Le blanc's, der unter Anderm nach einer Aſtündigen Sitzung der Deputirtenkammer zu Paris den Kohlenſäuregehalt der Luft des Sitzungsſaales auf ½00, in der komiſchen Oper nach gleicher Zeit über ½000 (Parterre) und über 4000 (un mittelbar unter der Decke), in einem Schlafſaal der Sal petriere nach neunſtündigem Verſchluß nahe an o fand. In Kellern, wo Gährung ſtattfindet, in der Nähe von Vulkanen und unterirdiſchen Verbrennungen (Hundsgrotte bei Neapel, in der Umgebung des Laacher See's, im Tau⸗ nus, in der Dunſthöhle bei Pyrmont und ähnlichen Stellen,