Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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der politiſch Bevorrechteten immer enger geſchloſſen wurde bis in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Familienariſto⸗ kratieen Bern, Luzern, Freiburg und Solothurn, ſowie die ſtädtiſchen Ariſtokratieen Zürich, Baſel und Schaffhauſen als vollendete Thatſache daſtanden. In den letztgenannten Ariſtokratieen behielt jedoch die in politiſche Zünfte einge theilte Geſammtbürgerſchaft fortwährend Antheil am Regi⸗ mente, was denn zur Folge hatte, daß entgegen den eigent⸗ lichen Familienariſtokratieen, in welchen die Alleinberech tigung einer gewiſſen, für immer abgeſchloſſenen Anzahl von Familien vollſtändig durchgeführt war, in dieſen ſtäd tiſchen Ariſtokratieen die bedeutend erweiterte Theilnahme an den politiſchen Angelegenheiten durch ein weit regeres geiſtiges Leben bewirkte, beſonders in Zürich, das ſeit der Reformation die Hauptpflegeſtätte der Wiſſenſchaft in der deutſchen Schweiz geworden war. Mit dem allgemeinen Sinken des politiſchen Lebens ſanken aber auch gleichmäßig die alten Volksfeſte und ſchrumpften zu vereinzelten, ſelte⸗ nen und verkümmerten Erſcheinungen zuſammen, wo ſie nicht ganz eingingen, ſo daß einſichtsvolle und humane Stadtzürcher wie Landvogt Eſchen in Cyburg am Anfang und Profeſſor Füßli im letzten Viertel des 18. Jahrhun⸗ derts ſich bitter über dieſe grämliche Haltung der Magi⸗ ſtrate und der Geiſtlichkeit der Volkesfreude gegenüber be⸗ klagten und wobei Füßli mit Trauer bemerkte, wie auch in der Stadt Zürich faſt jedes Jahr eines ſeiner originellen fröhlichen Kinderſpiele und Kinderfeſte einging. Bei dieſer Fernhaltung von allen öffentlichen Angelegenheiten ſank der früher ſo kräftige, nun aber nicht mehr regimentsfähige Bürger zum engherzigen Spießbürger herab, während die Ariſtokratie den franzöſiſchen Hof⸗ und Salonton ſo gut als möglich nachahmte. So weit ging die aus einer falſchen conventionellen Bildung ſich ergebende feindliche Haltung gegenüber einem naiv-kräftigen Volksleben, daß in einem Canton ſogar das Fangen und Steinſtoßen alsunzüchtig verboten wurde, während es aller der zur Schau getragenen Decenz entſprach, daß es an manchen Orten ſogar zum guten Ton gehörte, neben der Ehefrau noch eine Maitreſſe zu halten. So reducirten ſich denn auch mit der Zeit die öffentlichen Feſte unſerer Ariſtokratie auf Diners und Sou⸗ pers, unter welchen diejenigen immer die erſte Stelle ein nahmen, welche der franzöſiſche Geſandte ſeinen ſchweize⸗ riſchen Elienten gab, wo dann materielle Ueppigkeit und ſteifer Ceremonienkram an die Stelle des früheren heiteren Lebens trat, und jener ächten Würde, die das natürliche Erbtheil jedes ganzen, tüchtigen Mannes iſt. Da ſtanden die Nachkommen der ruhmvollen Geſchlechter des 14., 15. und 16. Jahrhunderts, wie die neu aufgekommenen Patri cier Chapeau bas in bordirten Röcken und ſeidenen Strümpfen, den windigen Galanteriedegen an der Seite und machten dem franzöſiſchen Geſandten ihre Bücklinge, um ſeine Deli kateſſen, ſeine klingenden Gunſtbezeugungen und ſeine falſchen Worte hinzunehmen. Doch giebt ſowohl unſere politiſche als die Culturgeſchichte jener Zeit tröſtliche Beiſpiele von manchen ehrenwerthen Charakteren innerhalb des Patriciats, die in ſchwacher Zeit die Traditionen einer ruhmvollen und jugendlichen Vergangenheit dem künftigen Geſchlechte treu überlieferten.

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Dem Volksleben des ſpäteren Mittelalters und der erſten Reformationszeit, dem die Thore der Städte ge⸗ ſchloſſen wurden und dem ſogar die Wächter und Knechte des Regiments durch Feld und Wald nachſpürten und es verfolgten, blieb nichts übrig, als in die Berge ſich zu flüchten. Hoch oben in einſamen Alpenthälern, dem Saume eines friſch rauſchenden Bergbaches oder ganz oben auf hoher Alp mit dem freien Blick in die ſtrahlende Welt der Firnhäupter und ins weite Gelände hinaus kamen die fröhlichen Burſchen und muskelgewaltigen Männer zuſammen und ſtählten die kräftigen Glieder im mächtigen Schwingen und Ringkampfe jährlich und an vielen Stellen, bis die Revolution ausbrach, und die ſchlummernde Volkskraft des ebenen Landes wieder ins Leben und zur That rief. Und wie die Stürme jener chaotiſch gährenden Zeit am Schluſſe des letzten und in den erſten Jahren unſeres Jahrhunderts ſich gelegt hatte und der freie Mann den Pflug, das ächte Friedensſymbol, durch die freigewordene Erde leitete, da ſtieg auch das verbannte Volksleben wieder in die Ebene hinunter, um ſich mit jedem Jahrzehnte kräftiger und größer zu entfalten. Mit der Entwickelung unſerer politiſchen Frei⸗ heit ging denn auch diejenige unſerer Volksfeſte in gleichem Schritt und Tritt vorwärts, um endlich auf jene hohe Stufe, zu jener Tiefe und Breite der Entfaltung zu ge⸗ langen, auf welcher wir ſie heute angelangt ſehen. Wieder iſt uns das friſche, fröhliche Leben von 1504 aufgegangen, nur mit dem Unterſchiede, daß für jedes Hundert jener Schützen, welche das Schießen von 1504 zumgroßen Schießen gemacht hatten, jetzt Tauſende von waffenkun⸗ digen Männern bei unſern jetzigen gleichartigen Feſten ſich einſtellen.

Und noch ein Unterſchied, ein großer und gewaltiger giebt ſich kund, der unſern heutigen Feſten erſt die ächte Weihe giebt. Nicht, daß es den wehrhaften Männern von 1504 an ächter, wahrer Vaterlandsliebe gebrach. Während aber dieſer ethiſche Gehalt ſeiner Feſte in naiver Einheit und Unmittelbarkeit des Lebens als ein Element neben tauſend anderen mitſchwamm, hat ſich daſſelbe heute ſo ſehr zum vollen Bewußtſein herausgearbeitet, daß die Idee des Vaterlandes und der freudigen Hingebung jedes Einzelnen an daſſelbe zur maſſenbeherrſchenden geiſtigen Macht un ſerer großen Volksfeſte geworden iſt. Wenn heute die eid⸗ genöſſiſche Schützenfahne ihren triumphirenden Wanderzug zu jener Stätte antritt, die ſie 2 Jahre lang beherbergen ſoll, wenn der Donner der Geſchütze ihr Nahen verkündet und die vielen Tauſende mit leuchtenden Blicken dies ge⸗ weihte Symbol des Vaterlandes und ſeiner freien Wehr⸗ kraft betrachten, dann geht es auch dem blödeſten Auge auf, wie ſehr das Bewußtſein, einer ſchönen guten Heimath anzugehören, ſowie die opferfreudige Liebe zu derſelben in allem Volke feſte Wurzel geſchlagen hat; wie alle politiſchen und geſellſchaftlichen Unterſchiede und Gegenſätze vor dieſem allesbeherrſchenden Gefühle verſchwinden.

Dieſe Liebe zur Heimath, der treuen Hüterin alles ſitt⸗ lich guten Wahren und Schönen iſt die bewegende Kraft und der lebendige Pulsſchlag unſerer großen Volks⸗ feſte geworden.