Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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hatte noch die weitere Aehnlichkeit mit den heutigen Zu⸗ ſtänden, daß manche Schützen beide Waffen gleich trefflich zu führen verſtanden.

Die Magiſtrate der ſchweizeriſchen Städte jener Zeit ſahen denn auch die politiſche Bedeutung dieſer Schützen⸗ übungen klar ein und förderten dieſe Beſtrebungen in viel facher Weiſe. Bald ſetzten ſie Preiſe für die beſten Schützen aus, die meiſtens in Hoſen, dann aber auch in Geldgaben beſtanden, und ſchweizeriſche, wie die Magiſtrate deutſcher Städte begnügten ſich nicht damit, ihren Mitbürgern ſolche Abenteuer, wie die Preiſe ꝛc. genannt wurden, zu be ſcheeren, ſondern ſie bewilligten auch denjenigen Schützen, welche auf fremde ausgeſchriebene Schießen abgeordnet wur den oder die ſolche zu beſuchen wünſchten, Geldbeiträge oder andere Gaben, wie Röcke und Hoſen, wenn ihre Geſchick⸗ lichkeit bekannt war und man ſich Ehre von ihnen verſprach. Auch die Chroniſten verfehlten nicht, ihre Mitbürger, die von einer ſolchen Schützenfahrt mit nennenswerthen Preiſen heimkehrten, in ihren Aufzeichnungen zu erwähnen. So zahlte Zürich ſeiner Zeit den Schützen, die zu dem be rühmten Straßburger Schießen von 1576 (zum zweitenmal mit dem bekannten warmen Hirsbrei) ſich begeben hatten, aus dem Staatsſeckel die für jene Zeit namhafte Summe von 1500 Gulden an die Unkoſten. In Bern wurden 1477 die alte Armbruſt- und die neue Büchſenſchützen-Genoſſen⸗ ſchaft wie es heißtzuſammen geſellſchaftet, wobei die Regierung ſie mit einem neuenFähnli begabte und den Büchſen- oder Hackenſchützen außerdem einen Schilling Sold bei Auszügen zuſicherte.

Die überall feſtgeſtellten Schützenordnungen galten in erſter Linie für die Schießübungen der jeweiligen Geſellſchaft, für welche ſie geordnet waren; doch mögen ſie in ihren Haupt punkten auch auf den eidgenöſſiſchen Schützenfeſten angewen det worden ſein, die mit dem Jahre 1452 aufkamen. Dieſen Anfang machte die lebensfrohe Bürgerſchaft von Surſen, deren Rath die getreuen lieben Eidgenoſſen einludall die

Wil und das Schießen wäret alle offenen Spiel und Kurz⸗

weil redlich und ohne alle Gefährde zu treiben.

Schon im darauf folgenden Jahre 1453 wurde dies Beiſpiel von Bern nachgeahmt und raſch folgten dem ge⸗ gebenen Anſtoße Aarberg, Biel, Wargen und Aarwargen. Von beſonderer Bedeutung ward das Schießen von Straß⸗ burg von 1456, zu welchem eine Schaar rüſtiger Züricher Jünglinge beim erſten Morgengrauen vom Helmhaus ab⸗ fuhr, einen Topf friſch gekochten Hirsbreis in heißem Sande mit ſich führend. So kräftig griffen die Burſchen mit ihren Rudern aus, daß ſie ſchon am gleichen Abende zwiſchen 8 und 9 Uhr in Straßburg eintrafen, frühzeitig genug, um am Abendtanze noch Theil nehmen zu können, wobei der noch immer heiße Hirsbrei und 300 jener berühmten Züri cher Semmeln, welche unter die Kinder von Straßburg ausgetheilt wurden, eine Hauptrolle ſpielten.

Eines der großartigſten Schützenfeſte jener Zeit war jedoch dasjenige, welches im Auguſt und September des Jahres 1504 in Zürich abgehalten wurde, zu welchem der Rath von Zürich die Einladungen auf St. Lorenzitag (10. Auguſt) ſchon im Anfang des Jahres hatte abgehen laſſen. Das Feſt gewann dadurch eine ganz beſondere po litiſche Bedeutung, daß die Schützen und Städte Süd⸗ deutſchlands in großartiger Weiſe beigezogen wurden, wohl in der Abſicht, die theilweiſe Entfremdung, welche der vor wenigen Jahren vollendete ſogenannte Schwabenkrieg her beigeführt hatte, in freundſchaftlicher Weiſe zu beſeitigen

und die alten guten Beziehungen wieder herzuſtellen. Zu dieſemgroßen erlichen Schüßen, wie Edlibach das Feſt bezeichnet, hatte der Rath von Zürich reiche Gaben ausge⸗ ſetzt. Die beſte Gabe beſtand in 100 rheiniſchen Goldgul den, dann folgten 31 Gaben von 100, 90, 80, 70, 60 u. ſ. w. bis auf einen Gulden herab, für die 6 Ritterſchüſſe, d. h. für jene Schüſſe, welche die nächſte Anſprache auf Gaben hatten, oder wie das Ausſchreiben des Raths von Zürich ſagt,das iſt denen, ſo an obgemelten Gwynungen mit zu ſtechen kumen, wurden Preiſe von 6 bis auf 1 Gul⸗ den angeſetzt. Der Glückliche, der den Kranzſchuß that, erhielt 5 Gulden und jener Schütze, der vom fernſten Orte hergekommen war, 1 Gulden. Noch muß bemerkt werden, daß dieſe 39 Gaben doppelt, d. h. ſowohl für die Arm⸗ bruſt- wie für die Büchſenſchützen angeſetzt waren, d. h. für jede der beiden Waffen 958 Gulden, für beide zuſam⸗ men ſomit die für jene Zeit große Summe von 1916 Gul den, wozu noch die Gaben kamen, welche in den ſpäter zu erwähnenden Glücksgaben gelegt wurden.

Das lockte denn auch ſo ſehr, daß zu dieſem Schießen, von welchem Edlibach viele Leute ausſagen hörte,daz kein Eriger Schießen nie habind gſechen noch davon ghörrt ſa gen, 236 Armbruſt- und 451 Büchſenſchützen in Zürich ſich einfanden, die nicht nur allen eidgenöſſiſchen Städten und Orten, ſondern auch in großer Zahl Deutſchland an gehörten, indem das bei Edlibach abgedruckte Verzeichniß der Gabengewinne Schützen aus Augsburg, Ulm, Kauf⸗ beuren, Asny, Mainz, Landau, Colmar, Insbruck, Reut⸗ lingen, Rottwil, Memmingen, Elſaßzabern, Worms, Frei⸗ burg im Breisgau, Offenburg, Kempten, Gmünd, Nörd⸗ lingen, Imbſt, Lindau, Conſtanz, Prag, Wallenburg, Ravenspurg, Tübingen und Stuttgart aufzählt. Das Ver⸗ zeichniß führt ſogar einen Schützen aus Rom an.

Es war ein fröhlicher ſtolzer Tag für Zürich, der St. Laurenztag des Jahres 1504, als die guten Geſellen ein⸗ zeln und in kleinen Gruppen in ſeine gaſtlich geöffneten Thore eintraten, freundlich und ehrenvoll begrüßt von De⸗ putationen des Rathes und der Bürgerſchaft. Ungeduldig harrte ſchon ſeit früher Morgenſtunde eine ſtattliche Schaar, beſtehend aus einigen Rathsmitgliedern, dem Stadtſchreiber und der Blüthe der jüngeren Bürgerſchaft auf die Freunde aus Deutſchland, die in Winterthur ſich geſammelt und dem Rathe ſchon am Abend vorher hatten anſagen laſſen, daß ſie am Morgen des 10. Auguſt gemeinſchaftlich in rich einziehen wollten. Schier wollte ſie das Warten ver drießen, als der Donner der auf dem Zürichberg aufgeſtell ten Feldſtücke das Nahen der ehrwürdigen Reichsfahne an zeigte. Der ſtattliche Zug ſetzte ſich nun in ſo würdevoller Gemeſſenheit in Bewegung, daß, als er beim Kronenthor anlangte, durch welches die Winterthurer Straße in die Stadt einmündete, die deutſchen Gäſte ſich vor demſelben ſchon aufgeſtellt hatten. Nachdem unter ſtetem Kreiſen der mit edlem Weine gefüllten ſchweren ſilbernen Pokale Raths⸗ herr Heinrich Obriſt, ein in der edeln Schützenkunſt wohl erfahrener Mann, die Deutſchen in kurzer wohlgeſetzter Rede begrüßt und ihren Gegengruß empfangen hatte, zogen Alle gemeinſchaftlich zum Rathhaus hinunter, um ſich dem großen Feſtzuge anzuſchließen, der auf der unteren Brücke geordnet wurde, wohin nun Alles ſtrömte, Bürger und Fremde, wie eidgenöſſiſche Gäſte, denen Letzteren freie Her⸗ berge in Zunft- und Privathäuſern ſchon angewieſen war.

Die Sonne ſtand ſchon hoch, als der Zug ſich in Be wegung ſetzte. Voraus tummelte ſich eine fröhliche Schaar