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dem neuen Gartenſaal, den ſich Rupertus erſt in dieſem Frühjahr hatte bauen laſſen und auf den er ſich nicht wenig zu gute that. In der That war die Anlage koſtbar und geſchmackvoll. Von den Fenſtern und noch bequemer von dem Balkone vor den Fenſtern blickte man an dem breiten Strom hinauf zur Stadt, deren unzählige Lichter ſich in dieſer Stunde in den dunkeln Fluthen ſpiegelten. Der Balkon hing bereits über dem ſchmalen, ſandigen Ufer— wege, von dem eine hohe Mauer den Garten trennte. Durch ein eiſernes Gitterthor konnte man auf den Uferweg und zu ein paar zierlichen Ruderbööten gelangen, die ſich in einer kleinen mit Weidenbüſchen umhegten Bucht auf dem an dieſer Stelle ziemlich tiefen Waſſer ſchaukelten. Natürlich wurden die mit ſo vieler Mühe und ſo großen Koſten ausgeführten neuen Anlagen des gaſtfreund⸗ lichen Mannes von ſeinen Gäſten gebührend geprieſen und bewundert, vor allem von Dr. Holm und Tante Bella, die ganz enthuſiaſtiſch in ihrem Lobe waren. Dr. Holm ver⸗ glich in einer pathetiſchen Rede Wilhelm Rupertus mit
dem Balladen-Könige, der, auf ſeines Daches Zinnen
ſtehend, vergnügt auf das beherrſchte Samos ſchaute und rieth ihm (Wilhelm Rupertus) von dem Balcone irgend eine Koſtbarkeit in den vorüberrauſchenden Strom zu werfen, — die Flaſche herrlichen Aßmannshäuſers etwa, die er zu entkorken im Begriff ſtand — und ſo die nei⸗ diſchen Götter zu befriedigen.
„Sie haben gut ſpotten, Doctor!“ ſagte Rupertus, den Stöpſel herausziehend und mit dem dunkelrothen Wein reine Gläſer füllend; „Sie ſind ein Mann, der einen Namen hat; jedes Kind auf der Straße, möchte ich ſagen, kennt Sie; da kommt kein Künſtler in unſre gute Stadt, der Ihnen nicht zuerſt ſeine Aufwartung machte und Sie um Ihre Fürſprache und Ihre Protection anginge. Sie ſind eine Macht — ja, und wenn Sie nur wollten, Sie könnten ſich, wie Freund Münzer nach der Reſidenz, ſo in's Parlament wählen laſſen; ich habe mehr als Einen ſagen hören: das wäre unſer Mann, aber er will ja nicht. Aber ich! was könnte ich denn, wenn ich auch wollte! Ich bin ein entlaubter Stamm, ein obſcurer Bürger — ein dummer Bourgeois, wie Ihr ſagt, wenn Ihr unter euch ſeid! Nein, Doctor, da müßte es noch anders kommen, wenn ich meinen ſchönen Aßmannshäuſer in den Rhein gießen ſoll.“
Doctor Holm hob Augen und Hände zur blauen, mit goldenen Sternchen geſchmückten Saaldecke empor und rief:
„Jüngling von trotziger Red', Unbändiger! welcherlei Schmähung ſprachſt Du wider ſie aus, die ewig waltenden Götter! Höret ihn nicht, den Frevler, Ihr Himmliſchen!“
Aber Rupertus war nicht ſo leicht von ſeiner Meinung abzubringen.
„Ach was, Doctor,“ ſagte er, „ich habe doch Recht.
Etwas muß Jeder haben, woran er ſich halten kann. Ihr geiſtreichen und gelehrten Herren haltet Euch an eure Ge⸗ lehrſamkeit und euren Ruhm; wir ungelehrtes Volk haben nichts als „uns ſelbſt,“ wie Wallenſtein ſagt, oder, unſer bischen Geld, wie Ihr ſagen werdet, und was wir uns für unſer Geld ſchaffen können. Nun, da könnt Ihr es uns doch auch nicht verdenken, wenn wir auf Haus und Hof und Garten und ſo weiter ein großes Gewicht legen und gern Alles ſo ſchön und vollkommen als möglich, haben möchten. Und dazu gehört viel; bald fehlt es hier, bald fehlt es da; man kommt nicht zur Ruhe und Zufrie⸗ denheit. Ihr habt die Freundlichkeit gehabt, meinen Garten
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zu loben. Nun ja, die Lage iſt ſchön, das gebe ich zu; aber offenbar iſt er doch für eine ſtattliche Beſitzung, wie ich Sie mir wünſche und — weil ich eben nichts Anderes habe — wünſchen muß, viel zu klein. Auch fehlt es an alten und hohen Bäumen, wie ſie nebenan in dem Garten der Frau von Hohenſtein zu Dutzenden ſtehen. Wennich den Garten noch zu dem meinigen bekommen könhte! das wäre doch noch etwas! Herr des Himmels, was habe ich nicht ſchon für Anſtrengungen gemacht! Ich habe der gnä— digen Frau unter der Hand zwei⸗, dreimal ſo viel bieten laſſen, als die Anlage werth iſt; aber ſie will nichts davon hören. Freilich, der Garten iſt ſo ſtill und verſchwiegen und da iſt er allerdings wohl unbezahlbar für meine ga⸗ lante Nachbarin.“
„O, Wilhelm, das iſt nicht hübſch!“ ſagte Frau Ru⸗ pertus.
„Nun, nun,“ meinte ihr Gatte, „ich will der Gnädigen damit nichts Schlimmes nachgeſagt haben; ich ſpreche nur nach, was alle Welt ſagt. Kenne ſie übrigens nur von Anſehen und ſchön iſt ſie, das muß ihr der Neid laſſen. A propos, Frau Doctor! wie findet denn Ihr Gemahl die Gnädige? Er iſt ja ein Kenner.“
„Mein Mann?“ ſagte Clärchen, die, als Rupertus ſie anredete, wie aus einem Traum erwachend, zuſammenge⸗ fahren war; „ich glaube nicht, daß Bernhard die Dame jemals geſehen hat.“
„Ha, ha, ha!“ lachte Rupertus, „das nenne ich discret ſein! Ei, da dürfte ich wohl eigentlich auch nicht darüber ſprechen?“
„Ueber was und über wen?“ fragte Clärchen ernſt.
„Was Du auch Alles ſchwätzſt!“ ſagte Frau Rupertus.
„Na, nur heraus mit der Sprache, ſonſt denkt die kleine Frau noch Wunder was für Geheimniſſe Sie in petto haben!“ ſagte Tante Bella ärgerlich.
„Aber mein Himmel, laſſen Sie mich doch nur zu Wort kommen,“ rief Herr Rupertus; „ich will ja dem Doctor gar nicht Ehre und Reputation für immer ab— ſchneiden! Was kann ich denn dafür, daß er vorgeſtern Abend, als die Leute vor dem Hauſe der gnädigen Frau in der Stadt Cravall machten — mein Schlingel von Gärtner iſt auch dabei geweſen und hat's mir erzählt — ſich in's Mittel gelegt und vom Balcon der gnädigen Frau aus eine wunderſchöne Reède gehalten hat. Das hätten wir doch Alle auch gethan, bis auf die ſchöne Rede natür⸗ lich, die zum wenigſten ich armer Tropf nicht hätte halten können. Kommen Sie, meine Herrſchaften! laſſen Sie uns auf das Wohl unſeres abweſenden Freundes trinken; Dr. Münzer ſoll leben!“
„Und dann bitte ich, daß wir auf das Wohl unſerer neuen jungen Freundin trinken und möge ſie unter uns eine zweite Heimath finden!“ ſagte die gute Frau Rupertus, und umarmte und küßte die neben ihr ſitzende Ottilie.
Die Gläſer klangen an einander. Die Wolke, die Herr Rupertus, ohne es zu wiſſen oder zu wollen, heraufbe⸗ ſchworen, ſchien glücklich vorübergezogen und Holm und Tante Bella ſorgten dafür, daß es an Stoff zu einer hei— teren, gemüthlichen Unterhaltung nicht wieder fehlte. Holm geſtand Bella die Liebe, die er ſeit fünfundzwanzig Jahren in ſtillem feinen Herzen für ſie getragen haben wollte, und daß nur ein Umſtand ſei, der ihm einen formellen Heiraths⸗ antrag bis jetzt unmöglich gemacht habe und noch unmöglich mache. Er habe trotz ſeiner ausgeſprochenen demokratiſchen Grundſätze eine heimliche Schwäche für den Adel und habe


