Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Dingen, die er geißelt, bis auf den Grund, legt dar, aus welcher trüben Quelle ſie entſprungen, und wo die Heilung zu ſuchen iſt. Er zielt auf die Erziehung, und darum ver⸗ ſäumt er nicht, in den lebendigſten Farben die Jugendge⸗ ſchichte der beiden Freunde zu berichten.

Ilja — jeder Zug iſt hier aus dem Leben gegriffen — wächſt unter dem Schutz von Ammen und Wärterinnen heran, und dieſe nähren ſeinen Geiſt mit Märchen, unter denen immer und immer wiederkehrt das von einer Fee, die in Geſtalt eines Hechtes auf die Erde kommt, ſich einen recht ſtillen, arbeitſcheuen, von den Menſchen gehänſelten Wicht ausſucht, ihn köſtlich ſpeiſt und kleidet und zuletzt mit einer wunderſchönen Jungfrau vermählt. Von dieſes Märchens Moral ſieht er an ſeinem Vater die Anwendung. Denn wenn Papa Oblomof nicht ißt, trinkt oder ſchläft, ſo ſitzt er am Fenſter und führt von hier aus die Wirth⸗ ſchaft. Z. B. wenn er einen Küecht mit einem Bund Stroh über den Hof gehen ſieht, ſo ruft er: „He, wohin?“ und wenn die Antwort ihn zufrieden ſtellt, ſo ſagt er: „Gut.“ Oder wenn eine Magd mit einem Eimer über den Hof geht, ſo ruft er: „He, wohin?“ und wenn ihm die Antwort nicht gefällt, ſo ſchilt er über das träge, nichtsnutzige Volk, rührt ſich aber nicht vom Platze, und die Magd thut, was ſie will. Alſo — genießen, ohne zu arbeiten, das iſt der erſte Satz vom Jeal des Lebens, der durch Theorie und Praxis der Seele Jlja's ſich einprägt. Sodann: Er wirdälter, aber die Wärterin bleibt ihm zur Seite, es wird ihm ver— boten, zum Hofthor hinauszulaufen, den Taubenſchlag, den Heuboden zu erklettern, die Gallerie zu betreten, die rings um das Haus geht und freilich längſt morſch geworden iſt, er ſoll auf ungefährlicher, ebener Erde ſich bewegen, oder bei der Wärterin ſitzen und ſich von der guten Fee er— zählen laſſen, kurz — blinde Zärtlichkeit verſagt ihm den freien Gebrauch und das Kennenlernen ſeiner Kräfte. Er kommt endlich in die Penſion zu Stolz, aber jeden Sonn⸗ abend holt ihn Luca, der Großknecht, nach Hauſe und fährt ihn am Montag früh wieder hinüber. Wenn jedoch der nächſte Mittwoch ein Feſttag iſt, ſo meint die Mama, für den Montag und Dienſtag ſei es ja des Anfangens nicht werth und behält ihn zu Hauſe; und am Donnerſtag früh ſcheint es ihr, nun könne er ja gleich da bleiben, wozu denn das viele Hin- und Herfahren. Oder an einem Donnerſtage kommt Beſuch an auf Oblomofka, es ſind Kinder dabei, ſogleich muß Luca fort, den Flja herüberholen, und durch das bekannte, ökonomiſche Räſonnement der Mama profitirt der wieder die halbe Woche bis Montag. So iſt der dritte, in der Erziehung Flja's hervorſtechende Zug: Mißachtung der geiſtigen Kräfteübung, Nichtgewöhnung an Ordnung und Pflicht. Mit einem Wort — Alles, was er ſieht und hört, was mit ihm ſich begiebt, iſt weich und ſchlaff, das ganze Leben ſingt ihm gleichſam ein Schlummerlied in Molltönen. Anders wächſt Stolz auf. Von früh an darf er ſich tummeln, wo es ihm beliebt, darf in's Dorf laufen, mit den Bauerknaben ſich raufen, und wenn er mit zer— ſchlagener Naſe, mit beſchmutzten oder zerfetzten Kleidern zurückkommt, und die ruſſiſche Mutter vor Angſt und Aerger weint, dann lacht der Vater und ſagt: „Er wird es ſchon lernen, die Naſe in Acht zu nehmen.“ Aber wenn er zur Schulſtunde kommt und das Kapitel aus dem Cornelius Nepos nicht überſetzt hat, dann nimmt ihn der Vater beim

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Kragen, ſtößt ihn zur Thür hinaus und ruft ihm nach: „Lauf' hin, wo Du warſt, aber komm' mir nicht wieder ohne die Ueberſetzung dieſes und des folgenden Kapitels!“ Und am nächſten Morgen bringt Andrei, ſauber geſchrieben, die Ueberſetzung beider. Als er älter geworden iſt, nimmt ihn der Vater mit auf's Feld, in den Wald, zu den Pech— und Talgſiedereien, ig die Stadt, ſchickt ihn ſpäter mit Aufträgen allein dorthin, und wenn Andrei am Abend in den Hof galoppirt, das Pferd in den Stall gebracht und über richtige Beſorgung ſeiner Geſchäfte berichtet hat, dann klopft ihm der Vater freundlich auf die Schulter und ſagt: „Recht gut, mein lieber Junge.“ Zuletzt muß Andrei den Unterricht der jüngeren Penſionäre übernehmen, ihnen ihre Lektionen abfragen, ihre Arbeiten corrigiren, ſie in den Elementen üben. Das iſt die Erziehung des von einem deutſchen Vater ſtammenden Andrei, und wenn ſie auch etwas nach dem Recept des Rouſſeau'ſchen „Emil“ ſchmeckt, ſo ſind die Grundzüge doch wirklich deutſch. Es iſt deutſch, daß das Geiſtige ſeiner ſelbſt willen geſchätzt, das Lernen als eine ernſte, heilige Sache behandelt, daß auf ſtrenge, ſelbſt pedantiſche Gewiſſenhaftigkeit in Erfüllung der Pflicht geſehen wird. Recht bis in's Einzelne hat der Dichter das Bild dieſer Erziehung ausgearbeitet, und aus gutem Grunde: er will ja, daß ſein Volk ſich daran ein Beiſpiel nehme. Auch kann es ihn nicht mißverſtehen. Er empfiehlt ihm deutſche Erziehung, aber nicht die deutſche, ſo, wie ſie jetzt ſchon in Rußland heimiſch iſt, als eine gemiethete, der Fa⸗ milie fremdbleibende, nicht die deutſche in der Geſtalt von Privat⸗ und Hauslehrern, der das ruſſiſche Familienleben in der alten, laxen Gewohnheit zur Seite ſchlendert und, wie bei Oblomof, nur ſtörend in den Weg tritt, ſondern die deutſche und wahre Erziehung, die von Vater und Mutter ſelbſt ausgeht, mit Zucht und Ernſt das ganze Haus durchdringt. So ſtellt er gegenüber die deutſche und die ruſſiſche Hauserziehung, ſtellt er gegenüber die beiden, ſo verſchieden gearteten Charaktere als Proben ihrer Früchte. „Wählet,“ ſo ruft er gleichſam ſeinem Volke zu, „ſeid und bleibt Ruſſen, aber erzieht eure Jugend in ernſter, deutſcher Häuslichkeit!“ Und dieſer Ruf iſt kein vereinzelter, vielmehr nur der dichteriſche Widerhall einer mächtigen, pädagogiſchen Bewegung in Rußland, die mit der Thronbeſteigung des jetzigen Kaiſers begann. Sie hat Journale geſchaffen, wie ſie vordem in Rußland nicht waren, und dieſe verbreiten richtigere Begriffe von der Erziehung in weiteren Kreiſen; Schulreformen der wichtigſten Art, von der Elementarklaſſe bis zur Univerſität, ſind im Werke, es kommen dazu die bekannten Reformen auf anderen Gebieten, die den herge— brachten Zuſtand der Geſellſchaft von Grund aus umge— ſtalten; das alte Rußland iſt aufgeſtört aus ſeiner Ruhe. Die Ziele aber der eigentlich pädagogiſchen Bewegung, ſo— wie die Hemmniſſe, die ſie zu bekämpfen hat, ſie ſind an— ſchaulich ausgeprägt in unſerer Dichtung. Der Gegenſtand des Angriffs iſt die altruſſiſche Oblomof'snatur, das Ziel — Menſchen zu bilden, wie Andrei Stolz, das Mittel — deutſche Erziehung in Schule und Haus. Ja, deutſche Er⸗ ziehung gilt dem ruſſiſchen Denker und Dichter als Muſter vor allen übrigen! Feiern wir darin einen Triumph, eine uns dargebrachte Huldigung? Wir dürfen es. Aber ver— nehmen wir nicht auch darin eine Mahnung? M.