Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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ſchon manchen ernſten und hochſinnigen Menſchen paſſirt; ja paſſirt, wenn mich meine Erfahrung nicht trügt, denen gerade am leichteſten. Vielleicht hat auch an dieſem Pro⸗ jekt die Diplomatie der Alten mindeſtens eben ſo viel An— theil, als die Liebe der Jungen. Daß die Sache nicht aus der Luft gegriffen iſt, ſteht übrigens feſt. Die kleine Au— relie, müſſen Sie wiſſen, iſt meine große Freundin und deponirt alle ihre zarteſten Geheimniſſe in den dreimal ver— ſiegelten Schrein meines Herzens. Von Aurelien aber habe ich heute Abend die feierliche Verſicherung erhalten, daß die Sache im beſten Gange ſei. Anderes ſpricht dafür. Mein Freund Willamowsky, der die beſte Ausſicht hatte, ſich an Camilla's Seite vollends zu ruiniren, iſt heute Morgen mit langer Naſe weggeſchickt und hat ſeitdem ſeinen Gram in diverſen Maibowlen zu erſäufen verſucht, in Folge deſſen nebenbei ſeine Augen noch etwas gläſerner und dummer in die Welt ſtarren, als ſonſt. Auch Vetter Kuno — ebenfalls ein Freier der vielumworbenen Helena — iſt ſeit einigen Tagen in fürchterlicher Stimmung, trotzdem er exorbitantes Glück im Pharao gehabt hat und ſpricht nur von verdammten Parvenü's, die mehr Glück wie Ver— ſtand haben und ehrlichen Kerlen die beſten Biſſen vor der Naſe wegſchnappen. Und dann iſt es jedenfolls nicht von ungefähr, daß heute Abend Hohenſteins — ich glaube, zum erſten Mal ſeit zwanzig Jahren — hier ver— ſammelt ſind. Der Stadtrath — ich ſage Ihnen, man überſchüttet ihn mit Liebenswürdigkeiten und Camilla flat— tert um ihn herum, wie ein Schmetterling um die ſüßeſte Honigblume.“

„Hören Sie auf!“ rief Münzer, „es iſt genug und mehr als genug! Mir thut das Herz weh von all' dieſer glänzenden Miſére. Ich will fort — mir iſt, als ob dieſe Luft mich erſtickte. Sie wiſſen jedenfalls hier im Hauſe Beſcheid. Kann man durch dieſe Thür auf den Flur ge⸗ langen?“

Münzer war aufgeſprungen; Kettenberg fuhr ebenfalls aus ſeiner halb liegenden Stellung in die Höhe.

Sind Sie ein Feuerkopf!“ rief er, „aber das iſt recht! das ſtimmt zu Ihrem Geſicht! Durch dieſe Thür? Gewiß! Sie führt auf einen langen Korridor und der Korridor bis an die Treppe. Ich hätte große Luſt, mit Ihnen durchzu— brennen; aber das darf ich der kleinen Aurelie nicht zu Leide thun. Haben Sie denn Ihren Hut? ja? nun denn: addio, Doctor! wettern Sie Ihren Zorn in ein paar ſchönen Gedichten aus — das erleichtert das Herz. Sie haben ſo lange nichts Poetiſches von ſich gegeben! Addio! halten Sie ſich nur links!“

Münzer drückte dem Maler die Hand und ging durch die Thür, die aus dem Kabinet auf den Korridor führte,

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dann den ſehr langen, halbdunklen Korridor entlang bis auf den hell erleuchteten Vorſaal. Als er den Vorſaal durchſchritt, um zur Treppe zu gelangen, begegnete ihm ein ſchwarz ge— kleideter Diener mit einem Präſentirbrett in der Hand. Münzer kam das gelbe lächelnde Geſicht bekannt vor; er wußte aber nicht, wo er es geſehen hatte. Der Mann mit dem gelben Geſicht blieb, als Münzer an ihm vorüber war, ſtehen, ſchnitt eine höhniſche Grimaſſe und murmelte:

„Da läuft er hin, der dummſtolze Kerl! der Gimpel! ſieht weder nach rechts, noch links. Das iſt wieder ein rechtes Freſſen für meine Gnädige! Aber, ich will's euch eintränken — wartet nur!“

Als Münzer die breite eppichbedeckte Treppe hinab⸗

ſchritt, hörte er hinter ſich das Rauſchen eines Frauenge⸗ wandes. Er achtete nicht darauf. Aber das Rauſchen kam

näher und als er an der Hausthür, die von einem galon⸗ nirten Portier aufgeriſſen wurde, angekommen war, hörte er es dicht hinter ſich, daß er auf die Seite trat, um der Dame den Vortritt zu laſſen. Die Dame, die ihr Geſicht mit einem dichten Schleier verhüllt hatte, rauſchte mit einer Verbeugung an ihm vorüber.

dem Portale hielt ein eleganter, geſchloſſener Wagen, deſſen Kutſcher ſich vergeblich bemühte, die jungen, feurigen Pferde, welche das lange Stehen ungeduldig ge⸗ macht haben mochte, zur Ruhe zu bringen. In dem Augen⸗ blick, wo die Dame auf den, vom Bedienten geöffneten Schlag treten wollte, bäumte ſich das Handpferd, daß der Bediente nach vorne ſprang und die Dame in augenſchein— lichſte Gefahr gerieth, von dem Tritt herab unter die Räder geworfen zu werden. Münzer ſprang hinzu und fing ſie auf. Sie glitt aus ſeinen Armen auf die Erde und ſagte dann, ſeine Hand ergreifend, raſch:

„Ich bin's — Antonie! Sie wollten mir aus dem Wege gehen; aber ich ſagte Ihnen, daß ich Sie ſprechen müſſe. Be⸗ gleiten Sie mich; ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilen; es handelt ſich nicht um Sie allein! Wollen Sie?“

Bei dem erſten Ton von Antonien's Stimme hatte ein Schauer der Wonne Münzer's Adern durchrieſelt, und dann war ihm das ſtolze Blut aus dem Herzen nach dem Gehirn geſchoſſen und mit finſterer Stirn ſagte er durch die, wie im Zorn zuſammengepreßten Zähne:

„Ich will es! es iſt beſſer ſo, für Sie und mich!“

Er half Antonien in den Wagen, ſtieg ſelbſt hinein und zog die Thür hinler ſich zu. Der Bediente war ſchon oben auf dem Bock. Der Kutſcher, der jetzt ſeiner Sache ſicher war, hieb kräftig in die Pferde: die feurigen Thiere ſprangen an und der Wagen donnerte über das

Pflaſter.

Vor

(Fortſetzung folgt.)

Oblomof.

Ein Bild ruſſiſchen Lebens.

(Schluß.)

Der vertrauteſte, älteſte Freund Oblomof's tritt auf, Andrei Jwanowitſch Stolz, der von einem deutſchen Vater, aber von einer ruſſiſchen Mutter ſtammt und — die Haupt⸗ ſache — der griechiſch-ruſſiſchen Confeſſion angehört. Der Vater dieſes Stolz kam als Hauslehrer nach Rußland und wurde dann Gutsverwalter, letzteres auf einer herrſchaft— lichen Beſitzung in der Nähe der Oblomofſchen. Er hatte

Kraft,

aber um der Oekonomie willen nicht die Pädagogik aufge⸗ geben, und in dem kleinen Penſionat, das er hielt, hatte auch Ilja Oblomof ſeine Schule durchgemacht. Der junge Stolz war ſein Mitſchüler und Altersgenoß, und daher — ihre Freundſchaft. Aber welche Verſchiedenheit des Cha— rakters! Stolz — ein Menſch, deſſen ganzes Weſen von Leben, Energie gleichſam überſchwillt, der als Agent