Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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97 p

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Gleichzeitig ſchrieb er noch:Blumen-, Frucht- und DornenſtückeDie Flegeljahre,Katzenberger's Badereiſe,Levana, ſeine zwar unſyſtematiſche,

aber hochpoetiſcheVorſchule der Aeſthetik und den vol lendetſten ſeiner RomaneTitan. In ſeinen letzten Le⸗ bensjahren, wo ihm ſein einziger Sohn ſtarb, war er noch mit einem Werk über die Unſterblichkeit der Seele beſchäf tigt, und einige Wochen vor ſeinem Tode ordnete und er gänzte er noch ſeine ſämmtlichen Werke für die letzte Aus⸗ gabe. Aber eine Augenſchwäche, die ſich immer mehr ver ſchlimmerte, ließ ihn faſt erblinden. Am 14. November 1825 war er noch wie gewöhnlich aufgeſtanden und den Tag außer Bett geweſen. Am Nachmittag glaubte er, es ſei ſchon ſpäter Abend, und legte ſich ſchlafen. Einen Blumenſtrauß, den eine langjährige Freundin brachte, legte man auf ſein Bett, mit ihm in den Händen war er ſtill entſchlummert. So ſchön und poetiſch war ihm der Genius mit der umgekehrten Fackel genaht, wie er ihn immer geſchildert.

Ein milder Auguſtabend war's, als ich mit einer Freundin auf jener Reiſe auf Jean Pauls Spuren in Bai reuth ankam. Unſer erſter Gang war nach dem Hauſe der Frau Rollwenzel, das in kleiner Entfernung von der Stadt dicht an der Straße nach dem Luſtſchloß Eremitage in maleriſcher Umgebung liegt. Hier in einem kleinen Ober ſtübchen ſaß Jean Paul zu ganzen Tagen allein, um, Alles um ſich her vergeſſend und ſicher vor jeder Störung, zu arbeiten, zu ſchaffen. Frau Rollwenzel, die Wirthin der kleinen Bierſchenke, ſorgte dabei für ſeine Koſt und Ruhe und wußte alles Unwillkommne von ihm fern zu halten.

Wenn man Alexisbad ſieht, wo auf der Louiſenburg mehr als ein Platz Jean Paul's Namen trägt, wo er mitten in der grünen Einſamkeit dichtete, wenn man das ſchöngebaute freundliche Baireuth ſieht und die nahen Luſt ſchlöſſer Eremitage und Fantaiſie, ſo wird es Einem ſchon zu Muthe, als blättere man in Jean Paul's Werken. Alles gemahnt hier an deren eigenthümliche Scenerie: dieſe Park's mit ihren Grotten, Waſſerkünſten, Eremitagen, Glo riettes, Teichen, Inſeln, Schwänen, Gondeln u. ſ. w., mit all' dieſen abwechſelnden Partieen, die eigenthümliche, poe tiſche, oft abenteuerliche Namen tragen, dieſe ganze Verei nigung einer ſich oft in Spielereien und Abſonderlichkeiten gefallenden Kunſt, inmitten einer lieblichen romantiſchen Natur und fruchtbaren Gegend, dies Alles finden wir wieder inTitan,Hesperus,Campanerthal, in un zähligen ſeiner Schriften, nur dichteriſch noch ausgeſchmückt und vergrößert von der blühenden, üppigwuchernden Phan taſie des begeiſterten Dichters. Man hat dieſe Eigenthüm lichkeiten ſeiner poetiſchen Schauplätze, dieſe Ueberladungen derſelben mit ſolchen phantaſtiſchen Staffagen getadelt, aber erklärt ſich nicht dies, wie beinahe Alles in ſeinen Schriften, aus dem immerhin doch beſchränkten Kreis, in den Jean Paul ſein ganzes Leben lang gebannt war? Kam er auch aus der Armſeligkeit ſeines Kindheit- und Jünglinglebens in den Dörfern an der Saale nnd dem kleinſtädtiſchen Hof heraus und damit aus den dürftigen Verhältniſſen, wie er ſie inWuz undSiebenkäs ge⸗ ſchildert, immerhin lebte er in Baireuth nur das Leben eines deutſchen Philiſters, und ward er hier und da ein mal an deutſchen Höfen gehätſchelt und von zarten Händen mit Blumen beworfen, konnte er auch einmal eine Reiſe machen, wie weit kam er denn in der Welt herum? Er hat den Rhein geſehen und Heidelberg und die kleinen deutſchen

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Reſidenzen! Das war Alles. Zu einer Reiſe nach der Schweiz, nach Italien, fehlten ihm die Mittel! Er hat Iſola bella und die Alpen, die er ſo poetiſch geſchildert, gleich Schiller, niemals geſchaut! von Paris und London und den großen Verhältniſſen dieſer Weltſtädte, nach denen er wohl nicht einmal Sehnſucht trug, gar nicht zu reden. Was ſich nun in ſeinen Schriften Kleinliches und Pein liches findet, das fällt nicht ihm, das fällt ſeinem Schickſal zur Laſt. Als deutſcher Bürger, als Einwohner von Bai⸗ reuth hatte er einen kleinen, beſchränkten Horizont und unter ihm entſtanden die ſchwachen Seiten ſeiner Werke, als Dichter freilich hatte er einen größeren Horizont, als ihn je ein Dichter gehabt! Da dehnte er ihn weit aus durch alle Himmel hindurch und über das ganze Weltall, und die ganze Menſchheit zog er hinein, zog ſie in ſeine Arme, an ſein großes klopfendes Herz.

Jean Paul war ſelbſt, wie erGettreich Hart⸗ mann ſchildert, den Sohn des Pfarrers von Heim: In ihm drängte und knospete ein Geiſt, der dichteriſch blühen will; er war aber nicht, wie die meiſten dichteriſchen Jünglinge, ein Knollen-Gewächs, das einige dichteriſche Blumen treibt und nach deren Abfallen unter der Erde unſcheinbare grobe Früchte anſetzt, ſondern er war ein Baum, der ſeine ſüßen bunten Blüthen mit ſüßen bunten Früchten krönte.

Unter ſolchen Gedanken weilten wir lange in Eremi tage. Oben ſchliefen die Berge, unten eilten die ſilbernen Waſſer. Am Himmel flogen vom Sternenlicht durchleuchtete Wölkchen und warfen auf die Erde keine Schatten. Der Mond hob ſich und brannte als ein Zauberſpiegel des Sonnentages, der unter der Erde zog, glänzend in's Auge. Das Duften des Heues, des Geisblattes, des Jelängerje⸗ liebers, der Roſen, und das rauſchende Blüthenwehen und das trunkene Girren einſchlafender Vögel das war ja Alles, wie es Jean Paul unzählige Mal beſchrieben noch mehr! wie er es hier an Ort und Stelle erlebt. Und es war, als ſpräche ſein Geiſt zu uns aus dem im Mondlicht ſpielenden Strahl der Fontainen ſo gut, wie aus den Stern bildern der Milchſtraße, und wir fragten einander, ob Jean Paul denn von ſeinen, von unſeren Zeitgenoſſen auch genug gewürdigt worden? Und wir antworteten mit ihm:

Soll es dem Genius von ſeiner Zeit beſſer ergehen, als fernen Sonnen? Erſt nach Jahrhunderten werden ſie in der Himmelsgegend geſehen und eingerechnet, in welche ſie ſich ſchon in der heutigen Nacht geſchwungen; denn der Weg ihrer Strahlen zur Erde bedurfte zu langer Zeit.

Am frühen Morgen beſuchten wir den Gymnaſialplatz, auf dem Jean Pauls Standbild von Schwanthaler ſteht. Es erhebt ſich mitten aus einem Rondell von Blumen. Bunte Schmetterlinge gaukelten um die Kelche feuerfarbiger Kreſſen, die er ſo liebte, und es ward uns Alles zum Sym bol und gleichſam zum Echo ſeiner Schriften. Dann gingen wir auf den Kirchhof und legten einen Kranz auf den ſchwarzen Marmorblock, der ſein Grab bezeichnet. Keinen Kranz von Lorbeer oder von mühſam gepflegten Garten blumen einen Kranz aus Wald- und Feldblumen, am Abend und Morgen hier gepflückt und von der eigenen Hand gewunden.

Und ſolch' einen einfachen Kranz leg' ich heute im Geiſt auf ſein Grab oder häng' ihn auf an ſeinem Geburtshauſe zu Wunſiedel an Jean Pauls hundertjährigem Wiegenfeſt! Hat er doch, da er lebte, unzählige Kränze aus Frauenhän⸗ den empfangen! Weil er den Frauen hohe Ideale gab und