Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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373 374 ean Baul. Zum hundertjährigen Geburtstag Jean Paul's, 21. März 1863. Von Louiſe Otto.

Von früher Jugend an ſchon waren das meine glück« Dorfe bei Hof, überſiedelte. Hier erhielt der Knabe mit

lichſten Stunden, wenn ich mit einem Buche in der Hand hinaus in's Freie wandern konnte, mich wegſtehlen konnte vom Hauſe und von anderen Menſchen, um in der Einſamkeit einer ſchönen Natur die Werke unſerer Dichter wieder und wieder zu leſen. Faſt war es mir nur ein halber Genuß, wenn es zwiſchen vier Wänden geſchehen mußte, ja faſt erſchien es mir wie eine Verſündigung an den Dichtern, ähnlich der, die man an den Singvögeln begeht, wenn man ſie im engen Käfig gefangen hält, um ihren Geſang im Hauſe zu genießen. Vor Vielen aber war es Jean Paul, an den die junge Mädchenſeele ſich mit liebender Be geiſterung hingab ſeineUnſichtbare Loge,Hes⸗ perus,Titan,Herbſtblumen u. ſ. w. anders als im freien Tempel der Natur zu leſen, wäre mir ge radezu eine Unmöglichkeit geweſen. Ihr Prieſter war er, in ihrem Heiligthum, an ihrem Herzen hatte er ſelbſt ihre ſchönſten Offenbarungen niedergeſchrieben, und es war ihrer würdig, war in ſeinem Sinne gehandelt, ſie nur an ge weihter Stätte vernehmen zu wollen, wo die Berge als Opferaltäre dienten oder letzte Sonnenfeuer zum Himmel emporflammten und aus den Blüthenguirlanden der Obſt bäume, den blumengeſchmückten Wieſen und den dunkeln Wäldern Weihrauchdüfte ſtrömten. Hinaus, ehe der Morgen tagt, in das ſchlummernde Land, wenn die erſten Thauperlen am Graſe zittern, einzelne Vögelſtimmen leiſe probiren, bis eine fröhliche Lerche lautſchmetternd ihr Signal giebt zum allgemeinen Concert, hinaus, wenn der ſchwüle Nachmittag ſich zum Abend neigt, wenn die blen dende Feuerkugel der Sonne zur verblühenden Roſe wird, deren Blätter auf der blauen Himmelsfluth verſchwimmend

untertauchen, wenn Bienen und Käfer durch die Blüthen ſummen und die Nachtigall ihr Lied beginnt, vor und

nach ſolchen Abend- und Morgendämmerungen muß man Jean Paul leſen, ſo wird man ſich am meiſten an ihm erfreuen.

Wandelte ich ſo mit ſeinem Buch in der Hand auf ſeinen Spuren durch eine ſchöne Natur, ſo drängte es mich auch, die Stätten ſelbſt zu begrüßen, die ihn zum Hohen

prieſter der Natur gemacht, eine Reiſe in das Fichtel⸗ gebirge, ward mir zu einer Wanderung auf den Spuren

Jean Pauls.

Hof, Wunſiedel, Alexanderbad, Baireuth das ſind Stätten, an denen man die Flügelſchläge dieſes ureignen Genius um ſich zu fühlen meint, wo es noch iſt, als ſehe man ihn vor ſich und als könne er unerwartet einmal leibhaftig um die nächſte Ecke treten, die kräftige Geſtalt mit dem immerfreundlichen Antlitz, ein Manuſeript in der Linken, in der Rechten den Wanderſtab, vor ſich her ſeinen Spitz Spitzius Hofmann, der in der Kürbisflaſche das Manuſcript zum Hesperus trägt.

In Wunſiedel, dem freundlichen Fuße des Fichtelgebirges, ſteht Jean Paul

Städtchen am Friedrich Rich

ters Geburtshaus, eine Gedenktafel bezeichnet es und nennt

den 21. März 1763 als den Tag ſeiner Geburt. Den Dichter, wie ſich ſelbſt, hat die Stadt noch durch Aufſtellung ſeiner Büſte geehrt. Aber er war nur erſt 2 Jahre alt, als ſein Vater, der bisher Tertius an der daſigen Schule geweſen, als Landpfarrer nach Joditz an der Saale, einem

ſeinen Brüdern von dem Pater nur äußerſt mangelhaften Unterricht und in dem halben Dämmerleben, das Jean Paul hier bis in ſein zwölftes Jahr führen mußte, wo er nur auf Selbſtbeſchäftigung angewieſen war, lernte er früh nur mit ſich ſelbſt und mit der Natur verkehren, und ent⸗ ſtand ſchon jenes ſich Verſenken in das eigene Innere, das ſpäter die Originalität ſeiner Muſe war. Als 1775 ſein Vater erſter Pfarrer in dem Marktflecken Schwarzenbach an der Saale ward, nahm ſich der dortige Rector des Knaben an, deſſen ſeltene Anlagen trotz ſeiner geringen Schulbildung ſich bald verriethen. Er war raſtlos thätig im Lernen, Leſen und Schreiben, um alles Verſäumte nachzuholen, und ſchrieb ſich ſelbſt aus den geliehenen Büchern eine ganze Bibliothek zuſammen. Da er Theologie ſtudiren ſollte, bezog er 1779 das Gymnaſium zu Hof. Aber bald darauf ſtarb der Pfarrer Richter und ließ die Seinen in bitterer Noth zurück. Dieſe ward unſerm Jean Paul um ſo fühlbarer, als er im Mai 1781 die Univerſität zu Leipzig bezog. Hier waren es Platners philoſophiſche Vorleſungen, die ihn vorzüglich anzogen und mit dazu bei⸗ trugen, ihn dem Studium der Theologie zu entfremden. Neigung, ſo wie die Ueberlegung, daß er als Theologe wohl lange auf irgend eine Anſtellung werde verzichten müſſen, und er durch Schriftſtellern ſich und ſeiner Mutter eher eine Einnahme werde verſchaffen können, beſtimmten ihn endlich, jenes Studium ganz aufzugeben, und ſo ſchrieb er eine SatyreLob der Dummheit, für die ihm der Profeſſor Seidlitz einen Verleger verſchaffen wollte. Allein alle Verſuche, einen ſolchen zu finden, ſchlugen fehl auch Jean Paul hatte das Geſchick ſo mancher jungen Schrift ſteller, mit ſeinem Manuſcript überall abgewieſen zu werden. Glücklicher war er mit ſeiner zweiten Schrift:Grönlän diſche Proceſſe, oder ſatyriſche Skizzen, die anonym 1783 zu Berlin bei Voß erſchienen und denen 1785 ein zweiter Band folgte. Aber dieſer machte kein Glück und der Ver leger weigerte ſich, noch einen dritten anzunehmen. Ueberall ward er damit, wie mit einzelnen, an verſchiedene Zeit⸗ ſchriften geſandten Artikeln abgewieſen. Seine fortwährende Dürftigkeit und die Sorge für ſeine alte Mutter bewogen ihn, zu dieſer nach Hof zurückzukehren (am 16. November 1784.) Mit ſeinem Freunde, dem Privatgelehrten Georg Chriſtian Otto, ſetzte er ſeine wiſſenſchaftliche Ausbildung hier fort und ſchrieb:Auswahl aus des Teufels Papieren. Die Schrift erſchien in Gera 1788, ward aber ebenfalls nicht beſonders günſtig aufgenommen. Eine Zeit lang ver⸗ beſſerte ſich ſeine Lage durch Annahme einer Hofmeiſter ſtelle im Hauſe des Baron Derthel in Tören, deſſen Sohn Adam ſein ſchwärmeriſch geliebter Freund war, den er alsVictor undAlbano verherrlichte. Als aber Adam ſtarb (1789), löſte ſich Jean Pauls Verhältniß und er kehrte wieder nach Hof zurück. Dort, unter den größten Entbehrungen, in demſelben Gemach, in welchem ſeine jün⸗ geren Brüder lärmten und die Mutter für die alltäglichſten Bedürfniſſe des Lebens raſtlos thätig war, ſchrieb und ſtu⸗ dirte der Schöpfer der idealſten Poeſie! Aber er war eben ein echter Dichter, dem nichts zu klein, weil ihm nichts zu groß war und der darum mit dem Hauch ſeiner Poefie auch das proſaiſchſte Alltagsleben ſich ſelbſt und Andern