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ſes reichbegabten Fürſten von vornherein nichts Gutes ver⸗ ſprach und ſeinen eigenen rationellen Deismus bei dem Könige in bleibender Ungnade wiſſen mußte. Die Stürme des Jahres 1848 dagegen, die er wie mancher andre Be— theiligte lange hatte kommen ſehen, regten ihn noch einmal gewaltſam auf. Unzweifelhaft neigte Varnhagens ganzes Naturell zu nichts weniger als zum Radicalismus, aber die beklagenswerthe Unkraft, mit der in dieſer Zeit die ſeltenſte Gelegenheit für Preußen, ſeinen deutſchen Beruf zu erfüllen und dafür eine Kaiſerkrone zu erringen, verſcherzt wurde, brachte ihn vollkommen außer ſich. Trotz der Maßloſigkeit ſeiner damaligen Aeußerungen behielt er übrigens dennoch die Rückſicht auf wirkliche Verhältniſſe und ein praktiſches Augenmerk auf das Nächſt-Erreichbare; davon giebt ſeine 1848 anonym erſchienene Broſchüre „ſchlichter Vortrag an die Deutſchen über die Aufgabe des Tages“ ein gültigeres Zeugniß, als ſein gleichzeitiges Tagebuch, das doch immer nur die wechſelnden Stimmungen und Eindrücke des Augen⸗ blicks widerſpiegelt. Aber auch aus dieſem läßt ſich ſehr wohl erkennen, daß Varnhagen ein Bedürfniß der Loyalität hatte, dem er nur mit Schmerz die Quelle der Befriedigung verſchloſſen ſah. So rief er einſt, als die Regierung nur Miene machte, eine ihrer alten Verheißungen zu erfüllen: „ich fühle es auf's Neue, welch ein Glück es iſt, der Regie⸗ rung beiſtimmen zu können, mit ihr gleichſam im Bunde ſein zu können.“ Je mehr aber die neu gekräftigte Reaction Herr der Bewegung wurde, deſto vollſtändiger mußte er auf ſolches Glück der Zufriedenheit mit den öffentlichen Zuſtänden entſagen, ohne doch an den letzteren zu ver— zweifeln. „Das weiß ich,“ ſchrieb er 1849, „die Freiheit hat in Deutſchland Wurzeln geſchlagen, die nicht auszutilgen ſind. — Für mich iſt geſorgt. Ich habe als Knabe die franzöſiſche Freiheit erlebt, als Greis die deutſche, was will ich mehr? Den Troſt kann mir nichts mehr nehmen, ich habe doch einmal in vollen Zügen Freiheitsluft geathmet, ihre ganze Kräftigung empfunden, das war vorigen Som— mer, jeden Morgen erwacht' ich mit dieſem Gefühl der Frei— heit; keine Behörde, keine Polizei, keine elenden Scheerereien, der Menſch galt als ſolcher, jeder ſagte und that, wie er es meinte, und wie ordentlich, wie ſittlich, wie zutraulich und freudig war Alles! Ich hab' es genoſſen und danke Gott noch jeden Tag dafür!“ —
Hatte Varnhagen in den Jahren der Bewegung nur zur Tagesliteratur mitgewirkt, ſo wandte er nachher ſeinen Fleiß wieder auf Arbeiten von bleibendem Gehalt. Zwar die hiſtoriſche Darſtellung des Jahres 1848 ſelbſt, zu der
er mehrmals anſetzte, wollte ihm nicht gelingen, — natür⸗ lich, denn der Stoff war ja noch nicht einmal endgültig ab— geſchloſſen, — aber die Reihe ſeiner unübertrefflichen Bio—
graphien erhielt noch einen Zuwachs in „Bülow von Denne⸗ witz“ 1853, und ſeinen „Denkwürdigkeiten und vermiſchten Schriften“ fügte er noch einen 8. und 9. Band an, die ſich bei ſeinem Tode druckfertig vorfanden. Am 11. Oktober 1858 ſtarb er ohne vorhergangene langwierige Krankheit und wurde, zwar geborener Katholik, doch immer confeſſions— los, in aller Stille auf dem alten Dreifaltigkeits-Kirchhof (dicht vor dem Halleſchen Thore) beigeſetzt; ſein Grab, neben dem ſeiner vielbekannten privilegirten Dienerin Dore gelegen, iſt nur durch eine gewöhnliche Denktafel kenntlich; ohnweit davon ruht Rahel in einem verglaſten Sarge, der nach ihrem Vermächtniß 30 Jahre über der Erde in einer Gruft ſtehen mußte.
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Das beſte Denkmal hat ſich Varnhagen jedenfalls ſelbſt geſtiftet durch ſeine Schriften. Doch bleibt auch in Betreff ihrer noch zu wünſchen übrig, daß wenigſtens die Biogra⸗ phieen in einer Geſammt-Ausgabe vereinigt werden möchten. Nur zehn derſelben bildeten bisher unter dem Titel „bio⸗ graphiſche Denkmale“ ein Ganzes; die übrigen, worunter grade die der Königin Sophie Charlotte und der Generale Friedrichs des Großen ſind zerſtreut erſchienen. Vom Ver⸗ faſſer noch ſelbſt geſammelt beſitzen wir dagegen ſeine „Denk⸗ würdigkeiten und vermiſchten Schriften“ in neun gleichmäßi⸗ gen Bänden, von denen beſonders die „Denkwürdigkeiten des eigenen Lebens“ enthaltenden einen hohen Werth bean⸗ ſpruchen dürfen.
Weniger für die Dauer angelegt halten wir die zahl⸗ reichen Kritiken und Referate über literariſche Neuigkeiten, zu denen Varnagen ſeit früher Zeit durch eine rege Theil⸗ nahme an kritiſchen Journalen veranlaßt war; ſie zeugen im Allgemeinen mehr für ſeine Milde, für ſeine Gefällig⸗ keit oder ſeine literariſchen Liebhabereien, als für die Schärfe des Urtheils und für die Unbeſtechbarkeit des Geſchmacks, die man ihm, getäuſcht durch andere Aeußerungen ſeiner Eigenthümlichkeit, lange hat zuſchreiben wollen.
Von ſeinen Poeſien, Novellen und derartigen früheren Schöpfungen hat er ſelbſt nur ſehr Weniges der Aufbewah⸗ rung werth erachtet, Blätter der Erinnerung, für die das Publikum nachgerade ausſtirbt.
Seine Stärke als Schriftſteller war von jeher die Dar— ſtellung, nicht der Styl. Einfach, klar und beſtimmt weiß er die Gegenſtände nach allen Seiten gleich deutlich vor unſern Augen auszuſondern und als charakteriſtiſche Einzel⸗ bilder zu geſtalten. Sein Styl dagegen, obgleich fließend, wohllautend und eigentlich fehlerlos, kann dennoch nicht zur Nachahmung empfohlen werden; er iſt gebildet in der Schule von Göthe's Alter und müßte weiter vererbt zur chineſiſchen Manier ausarten. Auch er neigt wohl von Natur zu Ein— fachheit, Klarheit und Beſtimmtheit, ſucht aber ſeine eigene Kraft fortwährend ſelbſt durch umſchreibende Ausdrücke ab⸗ zuſchwächen.
An das Schickſal, welches Varnhagen nach ſeinem Tode gehabt, dürfen wir ſchließlich kaum erinnern, denn es iſt, wie geſagt, bekannter als ſeine Lebensſchickſale. Die Nichte und Erbin Varnhagens, Ludmilla Aſſing, ging an die ſo⸗ fortige Veröffentlichung ſeines literariſchen Nachlaſſes und zwei der betreffenden Werke, nämlich „die Briefe Alexander von Humboldt's an Varnhagen“ 1860 und „Varnhagens Tagebücher“ 1861, 1862 (bis jetzt 6 Bände), erregten un⸗ ter den durch ihren Inhalt getroffenen Perſonen und Par⸗ teien einen wahren Sturm der Entrüſtung, doch zertheilte ſich das Unwetter, da man in der erſten Hitze nicht recht wußte, an wem die Wuth eigentlich auszulaſſen ſei, an dem todten Humboldt, an dem todten Varnhagen oder an der noch lebenden Herausgeberin. Uns ſcheint, daß die Sache der Letzteren und die Sache der beiden berühmten Verfaſſer immer hätte ſtreng getrennt werden müſſen. Die Rechtfer⸗ tigung der Herausgabe ſehnen wir uns nicht zu übernehmen; die Vertheidigung Humboldt's und Varnhagen's ſollte uns nicht ſchwer fallen, ſie wäre vermuthlich mit der Frage ab— gethan: „Wer darf ſeine vertrauten Briefe und Tage⸗ bücher, zumal aus dem Jahre 1848, mit Ausſicht auf einen verhältnißmäßig beſſern Erfolg ſehen laſſen, als ſenes


