367
vielleicht die ganze Erbſchaft vor der Naſe wegſchnappt? iſt das nicht ein wahrer Hohn? ich möchte darüber verrückt werden!“
„Warum ſchreiben Sie denn dem General nicht, daß Sie nicht wollen? So iſt die Sache ja abgemacht.“
„Nicht ſo ganz,“ erwiderte der Obriſt mit finſtrem Lächeln; „einmal iſt zu bedenken, daß, wenn ich nicht dar⸗ auf eingehe, der alte Sünder, der noch überall in der Armee Verbindungen hat, ſich an einen andern Regimentschef wen⸗ det, der weniger ſerupulös iſt, als ich, und alſo mit meiner Weigerung im Grunde wenig geholfen iſt. Sodann habe ich gar keine Veranlaſſung, den Alten noch mehr gegen mich aufzubringen, als er es, Gott ſei's geklagt und der Teufel mag wiſſen weshalb, ſchon ſeit langer Zeit und eigentlich von jeher gegen mich, Selma und ſelbſt meine Jungens geweſen iſt. Und drittens“ —
Der Obriſt wurde ein wenig roth und warf einen ſchnellen Blick aus ſeinen kleinen ſtechenden Augen zu An— tonien hinüber, die, den Kopf auf die Hand geſtützt, nach⸗ denklich in ihrem Lehnſtuhl ſaß.
„Und drittens,“ fuhr er langſam fort, „hat der Alte mit ſeiner gewöhnlichen Schlauheit einen Köder an den Haken gebunden, der — Ihnen kann ich es ja geſtehen! — gerade in dieſem Augenblicke eine große Anziehungskraft für mich hat. Um es gerade heraus zu ſagen: ich brauche Geld, nothwendig Geld, und ich weiß nicht, woher ich's nehmen ſoll — meine gewöhnlichen Quellen ſind erſchöpft und“ —
„So thun Sie doch, was der Großonkel will;“ ſagte Antonie; „da es Ihnen ſchließlich doch nichts hilft, wenn Sie ſich weigern, auf ſeinen Vorſchlag einzugehen, ſo wä⸗ ren Sie ja ein großer Narr, wollten Sie das Geld nicht nehmen.“
Der Obriſt hatte etwas Anderes erwartet, als Antonie zu ſprechen anfing; und er erwiderte daher ärgerlich:
„Sie haben gut reden; man verkauft doch auch nicht gern ſeine Ueberzeugungen und ſeine Grundſätze für ein paar lumpige Thaler.“
„Tauſend Thaler ſind eine ſchöne Summe,“ meinte Antonie achſelzuckend; „aber was hat mit dem Allem der Dr. Münzer zu thun? und wo iſt das Complott, von dem Sie vorhin geſprochen haben: ich ſehe kein Complott.“
„Ich kann Ihnen das auch nicht ſo ſchwarz auf weiß zeigen,“ brummte der Obriſt; „ich habe nur ſo meinen Ver⸗ dacht und wie ich dieſe Schurken kenne, hat die Sache gar nichts Unmögliches. Ganz zufällig habe ich nämlich erfah⸗ ren, daß dieſer Monſieur Wolfgang ein ſehr guter Freund von dieſem Dr. Münzer iſt, der ihm, glaube ich, Franzöſiſch beigebracht hat und vermuthlich all ſeine kommuniſtiſchen Teufelsideen mit in den Kauf.“
„Was Sie ſagen! Der hübſche Wolfgang ein Freund des Dr. Münzer? Jetzt wird die Geſchichte aber wirklich ſpannend; erzählen Sie doch mehr davon!“
„Sie ſcheinen ſich in der That ſehr für dieſen Münzer zu intereſſiren,“ ſagte der Obriſt mit einem Grinſen, das ein Lächeln ſein ſollte.
„Allerdings thue ich das,“ erwiderte Antonie luſtig; „der Mann ſcheint ſich ja wirklich in alle Verhältniſſe zu miſchen, der allgegenwärtige Graf von St. Germain iſt ja gar nichts gegen ihn. Ich hab's ihm heute Abend doch gleich geſagt, daß er ein heimlicher Prinz iſt, der nur zum Zeitvertreib den Demokraten ſpielt. Aber ich ſehe noch immer kein Complott! Monsieur le Colonel, Sie ſind mir
368
noch immer ein Complott ſchuldig, savez vons bien! vite, vite monsieur! votre complot!“
Dem Obriſt behagte der Scherz der Dame offenbar ſehr wenig; er ſchlürfte mürriſch ſeinen Wein und ſagte:
„Nun, eine Möglichkeit iſt wenigſtens, daß Arthur, ſein Schwager Schmitz und dieſer Dr. Münzer zuſammen den Plan ausgeheckt haben, dieſen Wolfgang auf alle Fälle und durch jedes Mittel bei dem Alten zu Gnaden zu bringen. Wiſſen wir denn, welche Inſtructionen der Junge mit nach Rheinfelden gebracht hat? Kann der Plan, ihn zum Officier zu machen, nicht dem Alten ſo unter der Hand zugeſpielt ſein? Ich habe mir erzählen laſſen, daß dieſer Peter Schmitz noch immer in ſeine Schweſter, die Stadträthin, wie ver— narrt iſt. Sollte er da nicht wünſchen, den Sohn ſeiner Schweſter hoch zu bringen? und Münzer iſt wieder der In⸗ timus von dieſem Schmitz, und Beide ſtecken, ich möchte drauf ſchwören, mit Arthur unter einer Decke. Wenn Arthur jetzt den Ultra⸗Conſervativen herausbeißt, ſo geſchieht es nur, einmal, um ſich bei dem Alten in Rheinfelden einzu⸗ ſchmeicheln, und zweitens, um ſeinen Spießgeſellen den Weg zu ebnen. Laſſen Sie den Wolfgang nur erſt den erklärten Erben des Alten ſein, ſo ſollen Sie einmal ſehen, wie ſchnell ſein Onkel Schmitz und ſein Freund Münzer ihre politiſche Farbe wechſeln werden, beſonders wenn zu gleicher Zeit die Regierung mit einer Conceſſion und dergleichen für Schmitz und mit einer gut dotirten Profeſſorſtelle oder dergleichen für Herrn Münzer nachhilft.“
„Mon Dieu! das klingt ja ordentlich ſchauerlich,“ rief Antonie lachend; „ich fange mit Ihnen an, dieſen Münzer für einen äußerſt gefährlichen Menſchen zu halten; es ſollte mich jetzt gar nicht mehr wundern, wenn ich erführe, daß er den Skandal heute Abend vor meinem Hauſe wirklich ſelbſt arrangirt hat, blos um eine Gelegenheit zu haben, ſich bei mir zu introduciren, und mich, Gott weiß wie, ebenfalls in das große, ſchreckliche Complott zu verwickeln.“
„Lachen Sie, ſoviel Sie wollen,“ ſagte der Obriſt ärger⸗ lich, indem er aufſtand, ſeinen Degen einſteckte und ſeine Mütze ergriff; „mir iſt auf Ehre bei der ganzen Sache gar nicht lächerlich zu Muth. Ich glaubte, daß Sie, wenn ich auch nach gerade die Hoffnung aufgebe, Ihr wetterwendi⸗ ſches Herz zu feſſeln, doch zum mindeſten meine Freundin ſeien; aber ich ſehe wohl, daß ich mich auch darin getäuſcht habe. Leben Sie wohl! Nach dem heutigen Abend werde ich Ihrer Entſcheidung, ob Sie wieder gut ſein wollen, oder nicht, mit größerer Ruhe entgegenſehen. Das aber ſage ich Ihnen“ — und bei dieſen Worten ſprühten die kleinen Augen des Obriſten Funken brennender Eiferſucht; — „wenn Sie etwa, zur Abwechſelung, ein kleines unſchuldiges Ver⸗ hältniß mit dieſem Münzer verſuchen wollten, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich nicht Guisbert von Hohenſtein heißen will, wenn ich dem Kerl nicht bei nächſter paſſender Gelegenheit meinen Degen durch den Leib renne.“
„Oder ihm ein Bataillon von meinem Regiment über den Hals ſchicke, falls ich allein nicht mit ihm fertig werden ſollte. O, mon cher Guisbert, Sie ſind, bei Gott, heute Abend zu komiſch! Aergern kann und will ich mich nicht mehr über Sie; ſehen Sie ſich doch nur einen Augenblick in den Spiegel, ob Sie nicht ein ganz pudelnärriſches Ge⸗ ſicht ſchneiden.“
Und Antonie warf ſich in ihren Fauteuil und lachte mit ausgelaſſenſter Luſtigkeit.
„Gute Nacht!“ ſagte der Obriſt kurz und ſcharf; „lachen Sie, aber lachen Sie wenigſtens allein; ich will mich nicht


