Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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ich die Ehre haben werde, Sie wieder bei mir zu ſehen, das hängt davon ab, ob ich morgen, wenn ich ausgeſchlafen habe, noch weiß, was Sie eben geſagt und wie Sie ſich eben be⸗ tragen haben. Ich hoffe, daß es nicht der Fall ſein wird; bis dahin aber leben Sie wohl!“

„Verzeihen Sie, Antonie;“ ſagte der Obriſt, der fühlte, daß er zu weit gegangen war und gern wieder eingelenkt hätte; „ich war durch den Anblick dieſes Menſchen, der mir über alle Begriffe fatal iſt, ganz außer mir. Sie wiſſen nicht, oder erinnern ſich nicht mehr, daß es derſelbe iſt, der, als vor zwei Jahren der große Krawall hier war, die Bür— gergarde mit den weißen Binden am Arm — Lumpengarde nannten wir die Kerls — in's Leben rief und durch Reden und Schriften Alles gethan hat, um die Schuld auf uns, reſpective auf mich zu werfen.“

„In der That,“ ſagte Antonie; „ich habe damals nicht darauf geachtet; alſo der Doctor Münzer — Sie nannten ihn ja wohl Doctor? — war in die Sache verwickelt?“

„Ja, das heißt nicht direct;“ erwiderte der Obriſt, ſeinen Helm aufnehmend und auf eine Conſole ſtellend; „nicht direct, aber er miſchte ſich nachträglich hinein, wie er ſich in Alles miſcht, was ihn nichts angeht, und gerirte ſich als Advokat der Canaille, die ich mit Fug und Recht hatte zu— ſammenhauen laſſen. Er war es, der den Magiſtrat ver⸗ anlaßte, eine Unterſuchungscommiſſion niederzuſetzen, welche die Zeugen verhören ſollte, und wenn die Sache auch da⸗ mals von der Regierung niedergeſchlagen und der Com⸗ miſſion das Handwerk gelegt wurde, ſo iſt er doch die Ver⸗ anlaſſung, daß ich hinterher einen derben Putzer vom Gene⸗ ralcommando bekam, über den ich noch wüthend bin, wenn ich nur daran denke.“

„Aber, Sie erzählten mir damals, wenn ich nicht trre, daß Ihr Bruder Arthur Ihnen das zu Wege gebracht hahe;“ ſagte Antonie, die ſich hingeſetzt hatte und dem Obriſt winkte, ebenfalls Platz zu nehmen.

„Der liebenswürdige Arthur war auch dabei betheiligt,“ erwiderte der Obriſt; „denn damals war der Herr Stadt⸗ rath noch liberal, während er jetzt, wie ich höre, die Farbe gewechſelt hat und äußerſt conſervativ thut. Wer weiß, vielleicht wird Herr Münzer bald ſeinem Beiſpiele folgen und wartet nur noch, bis die Regierung ihm einen annehm⸗ baren Preis bietet. Glauben Sie mir, Antonie: dieſe Men⸗ ſchen ſind zu Allem fähig, wenn man ſie nur bei ihrer ſchwachen Seite faßt, das heißt, ihnen das nöthige Geld giebt. Ja, ich glaube halb und halb, daß ich einem ſchänd⸗ lichen Complott auf der Spur bin, in das der ſaubere Herr Stadtrath und der ebenſo ſaubere Herr Münzer und der treffliche Peter Schmitz, der verdammte Demokrat, gleicher— weiſe verwickelt ſind.“

„Sie machen mich äußerſt neugierig,“ ſagte Antonie; „wollen Sie ſich nicht ein Glas Wein einſchenken?“

„Danke, ma très-chöre et très-belle soeur;“ erwiderte der Obriſt, „ich weiß es ja und habe es immer geſagt, daß Sie ein Engel ſind, wenn Sie auch manchmal, wie vorhin, ein kleines Teufelsmäskchen vorbinden. Da Sie doch ein⸗ mal ſo gnädig ſind, ſo erlauben Sie mir auch, meine Spa⸗ dille abzulegen. Famoſer Burgunder! Chambertin, ſechs⸗ undvierziger? und ſolchen Wein konnten Sie dem Menſchen vorſetzen, weil er Sie von dem Pöbel befreit, den er jeden⸗ falls ſelbſt vorher aufgehetzt hatte? Sacré nom! ich wollte, ich hätte Ihnen mit einer halben Compagnie von meinen Kerls Ruhe ſchaffen können; ich wollte das Geſindel zu⸗ ſammengeſchmiſſen haben!“

366 1 „Wie war das mit dem Complott, dem Sie auf der Spur zu ſein glauben?“ warf Antonie ein.

„Ich komme gleich darauf, um ſo mehr, als die Sache neben meinem Wunſch, Sie zu ſehen, meine angebetete An⸗ tonie,“ — hier verbeugte ſich der galante Obriſt — „der Hauptgrund war, weshalb ich noch ſo ſpät bei Ihnen vor— ſprach. Ich habe Ihnen doch erzählt, daß der Arthur — der Deufel mag wiſſen, durch welche Ränke — ſich bei dem alten Sünder auf Rheinfelden wieder zu Gnaden gebracht hat, und daß der Alte, der, glaube ich, nächſtens verrückt wird, an dem Jungen, dem Wolfgang, einen Narren ge⸗ freſſen zu haben ſcheint. Der Junge iſt bis auf dieſen Augenblick, zuſammen mit der albernen Clotilde und ihrem Backfiſch von Camilla, bei dem Alten um Beſuch; und Selma behauptet ſteif und feſt, es ſei darauf abgeſehen, daß die Beiden ſich ſpäter einmal heirathen und den Alten beerben ſollen. Sie können ſich denken, daß Selma in ihrer beliebten Weiſe mir den lieben Tag lang die Ohren davon voll jammert, und ich müßte lügen, wenn mir bei der Affaire gut zu Muthe wäre; Sie wiſſen, daß ich, wenn uns die Erbſchaft entgehen ſollte, ein ruinirter Mann bin. Ich habe aber bis jetzt die Sache leichter genommen und mich damit beruhigt, daß der Alte der größte Schuft iſt, den die Erde trägt, und es mit Niemand wirklich gut meint, alſo auch den Monſieur Wolfgang über kurz oder lang zum Kukuk ſchicken werde. Seit heute Morgen iſt mir die Ge— ſchichte aber doch bedenklich geworden. Ich bekomme näm— lich heute Morgen, wie ich zum Exerciren reiten will, einen Brief von dem Alten ich glaube den zweiten, mit dem er mich überhaupt im Leben beehrt hat — worin er mir ſchreibt — ich habe das Dings ja noch bei mir; hier, hören Sie und ſagen Sie ſelbſt, ob den Alten der Teufel reitet, oder nicht: „Mein lieber Neffe Guisbert! Ich finde, daß mein Großneffe Wolfgang, der in dieſem Augenblicke bei mich iſt, — als wenn man den alten Sünder ſelbſt hörte, nicht? — ein ſehr charmanter und cavaliermäßiger junger Menſch iſt, der es mindeſtens eben ſo gut verdient, als Deine Jungens, des Königs Rock zu tragen, darumb ich wünſche, daß er Officier wird, wie ich es geweſen bin und alle Hohenſteins es geweſen ſind mit wenige Ausnahmen, die ich durchaus nicht billigen noch goutiren kann, weswegen ich Dich erſuchen möchte, da Du die Affaire am beſten arrangiren kannſt, daß Du den Jungen in Dein Regiment auf Avancement eintreten ließeſt, ſintemalen mein Vater und mein Großvater bei ſelbigem Regimente geſtanden ha⸗ ben, wie denn der Junge, wie obbemeldet, ein echter und rechter Cavalier, deſſen ſich kein Regimentscommandeur nicht zu ſchämen braucht; wogegen ich Dir gern, wenn Du etwa was nöthig hätteſt, eintauſend Thaler oder ſo geben will, wenn Du erfüllſt den Wunſch Deines wohl affectionirten Onkels Eberhard von Hohenſtein, General⸗ lieutenant a. D. auf Rheinfelden. Poſt-Scriptum. Ich habe mit dem Jungen noch nicht geſprochen, weil ich erſt Deine Antwort haben muß und will, welche mit umgehen— der Poſt erwartet der Obige.“

„Was ſagen Sie nun,“ fragte der Obriſt, indem er den Brief zuſammendrückte und einſteckte; „iſt das nicht zum Tollwerden? Ich ſoll den Jungen von meinem Hal⸗ lunken von Bruder in mein Regiment nehmen? einen Jun— gen, deſſen Mutter eine Krämertochter oder dereeichen iſt, die mein lüderlicher Herr Bruder verführt und dann dum⸗ merweiſe geheirathet, und um derentwillen er ſich mit ſeiner ganzen Familie überworfen hat? einen Jungen, der uns

nota bene,