Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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auch Alles zu verlieren war, und auf die Peter, der keinen Groſchen mehr in der Taſche haben mochte, als er ſich er⸗ arbeitet hatte, weder eingehen wollte noch konnte. Wenn es dann im Geſchäft einmal weniger gut ging, wenn die Papierpreiſe fielen, oder ſonſt unglückliche Conjuncturen ein⸗ traten, ſo machte Arthur ſeinem Unmuth über ſeinen Schwa— ger in bittern Reden gegen Margarethe Luft. „Bedanke Dich dafür bei Deinem Bruder, der ja durchaus ein Bettler bleiben will. Freilich: Bourgeois bleibt Bourgeois, der Muth lernt ſich nicht, wie er ſich nicht verlernt.“

Dieſe Verſchiedenheit in der Auffaſſung des geſchäft⸗ lichen Lebens führte zuletzt zu einem offenen Bruch zwiſchen den Compagnons, und zwar unter Umſtänden, die in den Augen Peter Schmitz', und auch wohl jedes rechtlich Den— kenden, einen ſchweren Makel auf den Charakter des zum Geſchäftsmann gewordenen Edelmannes warfen. Arthur hatte ſich ohne Peters Wiſſen auf eigene Rechnung und Gefahr in eine Spekulation eingelaſſen, die außerordentlich glücklich ausfiel und ihn mit einem Schlage mindeſtens zu einem wohlhabenden Manne machte. Peter wußte von der ganzen Sache nichts und Arthur kündigte den Contract mit dem Schwager in dem Augenblicke, als er den günſtigen Ausgang ſeines Börſenſpiels erfahren, indem er eine ſchon ſeit längerer Zeit zwiſchen ihm und Peter ſchwebende Diffe⸗ renz gefliſſentlich auf die Spitze trieb, und als den oſten⸗ ſiblen Vorwand ſeines Schrittes benutzte. Der Verrath war um ſo ſchwärzer, als er in einem Augenblick ausgeführt wurde, wo in Folge der Juli⸗Revolution in Frankreich der Credit auch in Deutſchland ſtark erſchüttert war und die Angelegenheiten der Firma ſehr ſchlecht ſtanden.

Natürlich ließ die Welt den glücklichen Spieler die Unredlichkeit ſeiner Handlungsweiſe keineswegs entgelten; ſondern zog in dieſem, wie in jedem anderen Falle, vor dem Erfolge den Hut ab. Es dauerte nicht lange und Arthur von Hohenſtein war einer der reſpectabelſten Männer der Stadt. Zwar die Thüren des Adels blieben ihm nach wie vor verſchloſſen; aber mit um ſo offeneren Armen wurde er von der Bourgeoiſie willkommen geheißen. Der Liberalis⸗ mus war damals an der Tagesordnung und indem Arthur von Hohenſtein, gereizt durch die unerbittliche Härte ſeiner Standesgenoſſen und beſonders durch die conſequente Mißach— tung, die er von ſeinen Brüdern erfahren mußte, eine billige Freiſinnigkeit gefliſſentlich zur Schau trug, verſchaffte er ſich auf die bequemſte Weiſe von der Welt den Ruf eines beſonders wohlmeinenden, geſinnungstüchtigen Mannes. Daß Herr von Hohenſtein nur aus der Noth eine Tugend ge⸗ macht habe, daran dachte man nicht; es ſchmeichelte dem breitſchultrigen, behäbigen Bourgeois, daß ſich die ſchmale weiche Hand eines Herrn-Von mit ſo warmem Druck in ſeine plumpen, rauhen Hände legte. Man erwählte ihn zum Stadtverordneten, und als bald darauf ein Platz im Stadt⸗ rath vakant wurde, ruhte man von Seiten der Bürgerſchaft nicht eher, als bis der liebe, freundliche Mann, der es ſo gut mit dem Bürger meine, in die leere Stelle eintrat. Die Regierung, welche wohl wiſſen mochte, was von dem Libe— ralismus eines Herrn von Hohenſtein im ſchlimmſten Falle zu fürchten ſei, beſtätigte, ohne Anſtand zu nehmen, die Wahl der Bürger.

Während Arthur von Hohenſtein die Kaſtanien der Volksgunſt und einer angeſehenen einträglichen Stellung verhältnißmäßig ſo mühelos verzehrte, plackte ſich der Mann, der ihm die ſüßen Früchte aus dem Feuer geholt hatte, in alter Weiſe ohne einen andern Lohn, als den, welchen ein

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ruhiges Gewiſſen zu gewähren vermag. Peter Schmitz hatte bald nach Margarethen's Verheirathung ſeine Schweſter Bella zu ſich genommen, aber ein ſo treffliches, durch und durch braves Weſen Bella war, und mit ſo großer Liebe ſie an dem über Alles geliebten Bruder hing, ſie konnte ihm die Verlorene nicht erſetzen. Dazu kam, daß die Ge⸗ ſundheit des armen Mädchens in der vieljährigen Seclaverei, die ſie hatte erdulden müſſen, gänzlich erſchüttert war, und Peter, anſtatt einer kräftigen Stütze, deren er in ſeiner großen Wirthſchaft ſo ſehr bedurfte, eine Kranke in's Haus bekam, die ihrerſeits der Pflege und der Schonung um ſo mehr bedurfte, als ihr Gemüth faſt noch mehr als ihr Kör— per gelitten hatte. Trotz einer Menge guter, ja ausgezeich⸗ neter Eigenſchaften quälte ſie ſich und ihre Umgebung durch ihren Peſſimismus und ihre krankhafte Reizbarkeit, und den armen Peter insbeſondere noch durch ihre Eiferſucht. Sie konnte es dem Bruder nicht vergeben, daß ſein Herz nach wie vor mit einer, in ihrer unerſchütterlichen Treue rühren— den Liebe an Margarethen hing. Nebenbei, um doch ja keine Ruhe zu haben, fürchtete ſie fortwährend, er werde ſich in ſeiner gutmüthigen Blindheit gelegentlich einmal von irgend einer liſtigen Kokette fangen laſſen, und ſah in jedem hübſchen Mädchen der Nachbarſchaft, das ſich unterſtand, beſonders freundlich gegen ihn zu ſein, eine Prätendentin auf den erſten Platz an ſeinem Tiſch.

Der arme Peter! er hatte wahrlich auch die Zeit, auf Freiersfüßen einherzuhüpfen! hatte ſo gar wenig Sorgen, daß er ſo großes Verlangen trug, eine recht gründliche da— zu auf ſich zu nehmen! Bella ſelbſt wußte am beſten, wie ſauer es ſich Peter werden laſſen mußte, um ſein Geſchäft

im Gang zu erhalten und dabei dem Bruder Eugen in ſei— nen Nöthen beizuſtehen. Bruder Eugen nämlich hatte, nachdem er die Sträf⸗

lingsjacke ausgezogen, ſich ſeiner alten Beſchäftigung, dem Maſchinenbau, wieder zugewandt, war Werkführer in einer Fabrik geworden, hatte ſich die Gunſt ſeines Prinzipals und die Liebe von ſeines Prinzipals Tochter zu erwerben ge— wußt, war Theilnehmer und endlich, nach ſeines Schwieger⸗ vaters bald darauf erfolgendem Tode, alleiniger Inhaber des Geſchäftes geworden. Aber Eugen Schmitz ging es wie „Unſtern, dem guten Jungen.“ Es wäre ihm Alles in der Welt gelungen, wenn nicht Alles zufällig ganz anders ge⸗ kommen wäre, als es zu Eugens Heil hätte kommen müſſen. Andere Maſchinenbaufabriken w n wie Pilze in ſeiner unmittelbaren Nachbarſchaft in Je Höhe, und Eugen, der mit einem geringeren Kapital beiten mußte, konnte die Konkurrenz nicht aushalten. Er kam immer mehr in ſeinem Geſchäfte zurück und zuletzt — nun zuletzt mußte natürlich wieder der Peter d'ran. Peter ſchaffte Rath, Peter ſchaffte Geld, und wenn Eugen dem Rathe ſeines um vieles intelli— genteren Bruders eben ſo willig gefolgt wäre, als er ſein Geld willig nahm, ſo hätte noch Alles gut gehen können. Aber Eugen war waghalſig, gutmüthig, leicht zu übervor— theilen und ſein Geſchäft wurde für Peter zu einem Da— naidenfaß, das alle ſeine mühſam gemachten Erſparniſſe mitleidslos verſchlang. Die einzige Freude, die Peter hatte, wenn ihn eine der periodiſch eintretenden Calamitäten ſeines Bruders nach Thüringen führte, war Eugen's einziges Kind, ein liebliches, herziges Mägdelein, Ottilie mit Namen, das von dem rheinländiſchen Vater das dunkle Haar, von der früh verſtorbenen Mutter die großen blauen, lieben deut⸗ ſchen Augen geerbt hatte, und dem Onkel Peter jedesmal, wenn er kam, mit iheer leichten, ſchlanken Geſtalt immer

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