Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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Er ſchlang ſeinen Arm um Margarethens ſchlanken Leib, und ſo gingen ſie im dunkleren Hintergrunde des Zimmers auf und ab, während Peter bei der Lampe ſaß und, den Kopf in die linke Hand ſtützend, mit der rechten immer ſchneller auf dem Tiſch trommelte und immer eifriger an der Unterlippe nagte. Plötzlich ſchaute er auf und ſagte: Herr von Hohenſtein, Sie lieben alſo meine Schweſter?

Ob ich ſie liebe! rief der Lieutenant mit einem Nach⸗

druck, der vielleicht ein ganz klein wenig theatraliſch war.

Nun wohl! ſagte Peter,ich will Ihnen die Mög⸗ lichkeit verſchaffen, ſie zu heirathen.

Der Lieutenant blickte mit einigem Erſtaunen zu Peter hinüber, denn, offen geſtanden, war ihm dieſe Möglichkeit heute Abend nach grade ſo problematiſch, wie ſie es ihm vor vier Wochen geweſen war.

Freilich, fuhr Peter fort,gehört von Ihrer Seite einige Entſagung und einiger Muth dazu, ich meine nicht Muth von der Art, wie ihr Herren vom Militair das Wort verſteht, ſondern von der, welche wir Bürgersleute tagtäglich üben müſſen und vielleicht deshalb mehr als die Andern zu würdigen wiſſen. Vermögen habe ich, wie ich Ihnen ſchon ſagte, nicht; aber ich habe, was beinahe ebenſo gut iſt, Arbeit, lohnende Arheit, und es ſteht nur bei Ihnen, ob Sie an dieſer Arbeit Theil nehmen und an den Früchten dieſer Arbeit participiren wollen. Sie ſind nicht älter als ich, und Sie haben eine beſſere Erziehung gehabt. Was ich in Jahren mühſam durch eignen Fleiß gelernt habe, kann ich Sie in ebenſoviel Wochen lehren. Werden Sie mein Compagnon! Ich brauche Jemand, der mir arbeiten hilft und der das Geſchäft nach Außen mit mehr Feinheit

vertritt, als ich rauher Menſch aufbringen kann. Was Sie,

wenn Sie auf meinen Vorſchlag eingehen, verlieren, vermag ich freilich nicht zu berechnen; was Sie dadurch gewinnen, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, denn das wiſſen Sie ſelbſt.

Des Lieutenants erſte Regung bei dieſem eigenthüm⸗ lichen Antrage war, gerade heraus zu lachen; aber einmal

wäre das eine große Unſchicklichkeit geweſen, deren ſich ein

ſo feiner Mann, wie Arthur von Hohenſtein zumal unter dieſen Verhältniſſen nicht wohl zu Schulden kom men laſſen konnte; ſodann liebte er Margarethen wirklich, und ſchließlich wax ſeine Lage, trotz der ſeiner Familie be⸗ zeigten fürſtlichen Gnade noch immer der Art, daß er fürch⸗ ten mußte, über kurz lang ſeinen Abſchied nehmen zu müſſen, wenn er nicht vor denſelben freiwillig zu nehmen. Er blickte von Peters ehrl Geſicht in die dunkeln Augen Margarethens, die in ängſtlicher Erwartung an ſeinen Lip pen hingen, und blickte wieder zu Peter hinüber und ſagte: Ich will Alles thun, was ich kann, um Ihnen zu zeigen, daß ich es ehrlich meine.

Margarethe warf ſich jubelnd an Arthur's Bruſt und Peter reichte ihm die Hand diesmal ohne Groll und Widerſtreben, denn, wenn Peter Schmitz einen Entſchluß gefaßt hatte, ſo nahm er auch alle Conſequenzen deſſelben mit in den Kauf.

Einige Wochen ſpäter wurde die vornehme Welt der Stadt durch die Nachricht überraſcht, daßder ſchöne Hohen ſtein ſeinen Abſchied genommen und ſich mit einem hüb⸗ ſchen Bürgermädchen verlobt habe, nicht öffentlich denn dazu war der Oberpräſident noch nicht lange genug todt aber doch verlobt, alles Ernſtes verlobt habe. Es ging ſo gar das Gerücht: der Ex-Lieutenant ſei der geheime Partner ſeines Schwagers in spe geworden,eo wolle wie einige

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Witzlinge meinten das Papier, auf welches ſeine Gläu⸗ biger ihre Mahnbriefe ſchreiben könnten, jetzt ſelber machen. Die vornehme Welt gerieth über dieſenSkandal in einen Abgrund von Erſtaunen und Entrüſtung. Der General auf Rheinfelden äußerte, auf den von ſeinem Neffen er⸗ wählten Beruf anſpielend, in ſeiner gewöhnlichen liebens⸗ würdigen Weiſe:der Lump habe wohl gar bei ſeinen Un ternehmungen auf ihn gerechnet, aber mit Lumpen, verar⸗ beiteten oder unverarbeiteten, habe er nichts zu ſchaffen. Die Brüder, von denen der älteſte eben als Regierungsrath von der Reſidenz in ſeine Vaterſtadt zurückverſetzt und der zweite vermuthlich um ihn zu ſeiner bevorſtehenden Ver⸗ bindung mit der Comteſſe Selma von Düren-Lilienfelde würdiger zu machen zum Major avancirt war, beſchwo⸗ ren ihn, einen Gedanken aufzugeben, veſſen Ausführung die ganze Familieblamiren würde, und wenn es nicht anders ginge lieber dem Beiſpiel des jüngſten Bruders zu folgen und auszuwandern.

Es hieße von der Charakterſtärke Arthurs von Hohen ſtein viel zu hoch denken, wolle man glauben, dieſe ver⸗ wandtſchaftlichen Mahnrufe und die Spitzreden ſeiner Stan desgenoſſen ſeien ohne alle Wirkung auf ihn geblieben und er habe den in der Noth, dem Drang und der Ueberraſchung des Augenblicks gefaßten Entſchluß nicht ſchon vierundzwan⸗ zig Stunden darauf recht herzlich bereut, aber was bei

ſchwachen Charakteren ſo oft den Ausſchlag giebt er war

ſchon zu weit gegangen, als daß er noch hätte umkehren können.

Peter Schmitz hatte damit angefangen, daß er mit einem Theil des Kapitals, welches er zum Betrieb des neuen Geſchäftes ſo nothwendig brauchte, die Schulden ſei⸗ nes Compagnons bezahlte und die Ausſteuer Margarethens beſchaffte. Er hatte für ſich nun den Löwenantheil an der Sorge und an der Arbeit reſervirt. Das Compagnongeſchäft war eine Illuſtration zu der bekannten Fabel von dem Rieſen und dem Zwerge, die zuſammen auf Abenteuer aus⸗ zogen. Dennoch ging das Unternehmen Dank der uner⸗ müdlichen Thätigkeit und dem induſtriellen Genie Peters verhältnißmäßig gut in den nächſten Jahren und Peter wäre ganz zufrieden geweſen, wenn er nicht die traurige Ent⸗ deckung gemacht hätte, daß der Lohn für alle Opfer, die er dem Glück und der Zufriedenheit ſeiner Schweſter gebracht hatte, eine täglich größer werdende Entfremdung zwiſchen ihm und eben dieſer Schweſter war. Nicht, daß Margarethe gefliſſentlich undankbar geweſen wäre! durchaus nicht; aber Liebe und Billigkeit finden ſelten zuſammen in eines Weibes Seele Raum und wenn zwiſchen dem Gatten und dem Bruder

Differenzen entſtehen, ſo kann man mit ziemlicher Sicherheit

annehmen, daß eine Frau ſich ohne langes Beſinnen für den erſteren entſcheiden wird. Und Differenzen zwiſchen Arthur von Hohenſtein und Peter Schmitz blieben leider nicht lange aus. Der junge Edelmann hatte ſich mit einer Schnellig keit, die Alle, und Petern ſelbſt am meiſten, überraſchte, in der neuen Sphäre zurecht gefunden; aber die langſame, nüchterne, ſtetige Arbeit behagte ihm weit weniger, als die ſchnelle, aufregende, müheloſe Spekulation, bei der es haupt⸗ ſächlich auf das trügeriſche Glück ankam, das er in ſeinem früheren Leben am Pharaotiſche ſo oft diesmäl vergeb⸗ lich, und das andere Mal mit Erfolg angerufen hatte. Was wollen wir uns Jahre lang placken um etwas, was wir in vierundzwanzig Stunden erreichen können! war ſeine ewige Rede, und unabläſſig drängte er ſeinen Schwager zu

Unternehmungen, bei denen Alles zu gewinnen, freilich aber