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Spitze des Pilatus, von dort ſteil bergab in einen Thal⸗ keſſel, auf den drei der Hauptſpitzen des Gebirges: Eſel, Tomlishorn und Matthorn, herabſehen. Wohin das Auge blickt, nackter Fels und Steingeröll — eine öde, unwirth⸗ liche Wildniß, die ſchon am hellen lichten Tage geſpenſter— haft ausſieht und in einer Mondſcheinnacht dem proſaiſchſten Auge Geiſtererſcheinungen zeigen muß. — Der Weg führt über das öde Geröll weiter hinab; plötzlich tritt der Fuß auf Raſen, und da ſteht auch ein zwerghaftes, verkrüppeltes Ding von einer Tanne, und dann kommen bald mehr ſol— cher Tannenkrüppel, je weiter ſich der Weg herabſenkt, und dann machen die Krüppel, wiederum ganz plötzlich, ſehr ſtattlichen, breitaſtigen Nadelholzbäumen Platz; wir ſind aus der öden Region in die Waldregion gelangt. Hier verab⸗ ſchieden wir den wackeren Raver, nachdem wir ihn ſo reich— lich belohnt, daß ſeine hellen Augen vor Vergnügen blitzen; er geht, nachdem wir ſeine rauhe Fauſt herzlich geſchüttelt, und klimmt wie eine Katze die Felſen hinauf; als wir uns nach zehn Minuten wieder umſehen, erſcheint er unſeren Augen in der That nicht größer als eine Katze.
Und nun ſind wir allein und ſchlendern das reizendſte Thal hinab, das meine Augen je geſehen haben; rechts und
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links ragende, tannenbekränzte Höhen und grüne Matten, von denen das Läuten der Heerdeglocken herabklingt, in der Tiefe rauſchendes Bergwaſſer, in der Ferne vor uns der Blick niederwärts in ein unglaublich liebliches Thal voll unzähliger Dörfer und Häuschen, und jenſeits des Thales grüne, ſchwellende Höhen, die zu braunen Felſen hinauf⸗ drängen, über welche blendende Schneegipfel ſtill und fern herüberblicken. Ich wollte, ich könnte Ihnen die Bilder, die ich noch jetzt in jedem Moment ſehe, ſobald ich das Auge ſchließe, auf das Papier bannen!
So ging's bergab und immer bergab, ein, zwei, drei Stunden lang, zuletzt immer ſteiler und ſteiler, als ob der Weg nur für die Ziegen eingerichtet wäre, die wir unfern vom Orte auf dem Heimwege trafen. Endlich kamen wir doch in's Thal. Ein kleines, bildſchönes, zwölfjähriges Mädchen bot ſich uns als Führerin an und brachte uns zum „Schlüßli“, und da ſitze ich denn nun und ſchreibe dieſen ewig langen Brief an Sie. Fürchten Sie nur nichts für mich! Die Poſt geht morgen erſt um neun Uhr ab; wir können alſo ausſchlafen. Good night!
(Fortſetzung folgt.)
wiſchen
Die neneſte Aera der franzöſiſchen Belletriſtit. Wenn wir ſelbſt Louis Napoleon, der den Geiſt ſeiner Zeit verſteht, wie irgend Einer, in der Rede, die er neulich bei Gelegenheit der Preisverthei⸗ lung an die franzöſiſchen Induſtriellen gehalten hat, einen Idealis mus zur Schau tragen ſehen, (der freilich ſich in ſeinem Munde eigenthümlich genng ausnimmt) ſo kann uns kanm die Wahrnehmung Wunder nehmen, daß ſeit Kurzem in der franzöſiſchen Literatur ein Umſchwung in eben dieſer Richtung eingetreten iſt, an deſſen größe⸗ ren Ernſt wir glücklicherweiſe nicht zu zweifeln brauchen. Der un⸗ geheure Erfolg, den Vietor Hugo's „Miserables“ gehabt haben, beweiſt doch immer — man mag über dies Buch denken, wie man will —, daß das große Publikum es ſatt und müde geworden iſt, ſeine geiſtige Nahrung aus den abgeſtandenen Sümpfen der Frivo⸗ lität zu ſchöpfen, und das Bedürfniß nach beſſerer, geſunderer Koſt aus dem Urquell der Begeiſterung für die höchſten Probleme der eringenden Menſchheit empfindet. Die Fanny Scandal⸗Literatnr, die vor ungefähr fünf Jahren ſo üppig aufſchoß und alle andern Keime zu überwuchern drohte, iſt, wenn auch nicht ganz verſchwunden vom großen Markt, doch zurückgetreten in die beſcheidenen Seitengäßchen, in welche ſie ſammt ihrem liederlichen Anhang gehört. Feydean, ihr großer Schöpfer, der Apoſtel der ſentimentalen Blaſirtheit, der kühne Reformator der Sittengeſetze, der durch ſie das Unheilige hei⸗ lig und das Heilige unheilig machen wollte, iſt verſtummt; auch Alexandre Dumas, der Sohn, der Großmeiſter der Demi-monde, deſſen Dramen und Romane von der Welt, die ſich in ihnen be⸗ ſpiegeln konnte, noch vor wenigen Jahren mit jubelndem Beifall be⸗ grüßt wurden, iſt ein ſtiller Mann geworden, und ihre zahlreichen Nachfolger, die um einen Vergleich Montégut's, des geiſtreichen Kritikers der „Revue des deux mondese, zu gebrauchen, nach rich liger Franzoſenart wie eine Heerde Schaafe dieſen beiden Führern nachgeſprungen ſind, bemühen ſich vergebens, ihre Namen in wei⸗ tern Kreiſen bekannt zu machen. Das Publikum, wenn nicht alle Zeichen trügen, ſcheint einer Literatur den Rücken kehren zu wollen, deren begabtere Vertreter ſo durch ihr Schweigen der Vermuthung Ranm gaben, daß die Fänlniß und Zerfahrenheit der ſocialen Ver⸗ hältniſſe, die ſie in ihrem erlogenen Glanze zu ſchildern verſuchten, nicht ohne nachtheilige Einwirkung auf ihre eigene geiſtige Kraft ge⸗ blieben ſind. Um ſo thätiger und rühriger zeigen ſich dagegen zu unſerer Freude die alten bewährten Vorkämpfer in der entgegen geſetzten Richtung der Literatur, die jetzt endlich wieder zu Worte kommen können. Wir nennen von dieſen vor Allen den unermüd⸗
den Garben.
lichen braven Michelet, der neuerdings, nachdem er früher in ſeinen auch in Deutſchland ſchnell bekannt gewordenen Büchern: „L'amour“, „la femme“, „la mer“, Front gegen die einreißende Unſittlichkeit gemacht und damit nicht unweſentlich zu ſeinem vorhin angedenteten Umſchwunge beigetragen, in ſeiner „Sorcisre“ den Kampf mit ſeinen alten Feinden, den Pfaffen, mit verdoppelter Energie wieder aufgenommen hat. Ferner Emile Augier, der mit ſeinem „üls de Giboyer“ einen glücklichen Wurf in daſſelbe Lager gethan hat, und noch dazu — wie jetzt, nachdem der Kaiſer in ſeinem und der Kaiſerin Namen den Autor wegen des Stückes ausdrücklich beglückwünſcht hat, nicht mehr zu zweifeln — mit „hoher obrigkeitlicher Bewilli⸗ gung“. Auf dieſe Weiſe macht dies Schauſpiel, welches freilich die Klerikalen, wie die Legitimiſten gleichmäßig verſpottet, ungehindert und ungefährdet ſeinen Trinmphzug durch Frankreich, während das Buch Michelet's — man höre und ſtaune! — wegen angeblicher Verſtöße gegen die Sittlichkeit verboten worden iſt. Man ſieht, das Janusgeſicht der imperialiſtiſchen Politik, welches die Italiener be⸗ reits der Verzweiflung nahe gebracht hat, zeigt ſich auch hier. — Eine Reihe jüngerer Autoren hat ſich dieſen und anderen älteren Schriftſtellern angeſchloſſen, namentlich auf dem Gebiete des Ro⸗ mans. Vorzugsweiſe nennen wir hier Lonis Ulbach, der ſchnell zu Ruhm und Anſehen gelangt iſt, und auf den wir beſonders die deutſchen Leſer aufmerkſam machen möchten. Sein Roman „Mon- Sieur et Madame Fernel“ hat bereits ſieben Auflagen erlebt; we⸗ niger Glück ſcheint das darauf publicirte Werk: „Le mari d'Antoi- netter gemacht zu. haben; ſein neueſtes Buch aber: „Frangoise“ wird nach unſerer Schätzung den Erfolg des erſtgenannten Romans überholen. In der Vorrede zu dieſem Buche bezeichnet ſich Ulbach ausdrücklich als einen entſchiedenen Gegner der Scandal Literatur und bemerkt ſehr richtig, „daß das Jutereſſe, die Rührung, die dramatiſche Lebendigkeit mit all' ihren heftigen Erſchütterungen ſich ſehr wohl mit einer gewiſſen Wohlanſtändigkeit vereinigen laſſe, die den Horizont reinige, ohne ihn zu beſchränken; daß ferner die Phantaſie, die Verhöhnung aller Geſetze der Moral, die Excentricität, wenn ſich ihrer das Genie nicht bediene, um ſeinen. Zweck zu verbergen, bequeme Auskunftsmittel für die Talentloſigkeit ſein können.“ „Es giebt kein ſchöneres, größeres, ſelteneres Schanſpiel,“ ſagt er weiter, „als den Kampf mit der Pflicht. Was unſerer Generation fehlt, iſt weder die Poeſie, noch der Glanz der Träume, wohl aber die Achtung vor der Pflicht und das Streben, ſie tren zu erfüllen.“ St.
Verantwortlicher Redacteur: Fr. Spielhagen in Perlin. Verlag von Ptto Fanke's Peutſcher Wochenſchrift (Otto Funke & Co.) in Perlin.
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Druck von Otto Janke in Berlin.
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