Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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die ganze Welt in dem lachendſten, entzückendſten Sonnen ſchein; fünf Minuten ſpäter wieder Nebel allüberall. So ging's den ganzen Vormittag; auch als wir mit Laver Bali, dem Hausknecht auf Klimſenhorn Egg, nach dem Tomlis horn, einem der andern Gipfel, gingen. Kaver Bali war eine urgemüthliche Erſcheinung in einer blauen Blouſe, einer Art von Schlafmütze und alten nägelbeſchlagenen Schuhen. Er war ſchon ſeit fünf Jahren auf Klimſenhorn Egg, Sommer und Winter. Im Winter iſt er ganz mutterſeelen allein oben, und es vergehen manchmal Monate, ehe er einen Menſchen zu ſehen bekommt. Verſetzen Sie ſich, ich bitte, einen Augenblick in dieſe Situation! Schnee und Eis und Eis und Schnee und ſtarre Felſen einen Tag wie alle Tage, Notabene, wenn es den dicken, trüben Nebel wolken gefällt, ſich einmal zu verziehen, ſonſt vierundzwanzig, achtundvierzig Stunden, wochenlang Nacht, oder höchſtens eine graue Dämmerung, die ſich von der Nacht nicht viel unterſcheidet. Wenn der Menſch ſeine Winteraufgabe ab gethan, das Holz.für den Sommer nämlich geſägt und ge⸗ ſpalten hat, iſt er ohne alle Beſchäftigung und das Schlafen wolle auch nicht immer gehen! Wie finden Sie die Exiſtenz? Pennſylvaniſches Syſtem? Einzelhaft für zehn Silbergroſchen pro Tag? Und dabei hat der arme Menſch eine Frau und drei Kinder irgendwo unten im Thal! Freilich, würde er ſich, wenn er die nicht hätte, zum lebendig Begrabenſein und monatelangen ausſchließlichen Umgang mit Ehren Pilatus verdammen? Armer Faver Bali! ich fürchte, der Berggeiſt dreht Dir doch noch einmal in ſo einer langen Winternacht zum Spaß den Hals um und die Leute ſagen dann, Du habeſt Dich in einem Anfall von Trübſinn erhängt. Aber ſei ruhig! ſobald ich es erfahre, werde ich Dir eineEhren rettung ſchreiben, denn Du biſt ein guter Menſch und ſelbſt ein galanter Menſch, trotzdem Du Deinen tagelangen Aufenthalt in den Ziegen- und Kuhſtällen auf keine Weiſe verleugnen konnteſt.

Seine Galanterie bewies Laver Bali durch die Freund⸗ lichkeit, mit welcher er auf dem Wege nach dem Tomlishorn an einer unangenehm ſteilen Stelle plötzlich Halt machte und meinem Gefährten (deſſen Anzug ihm wahrſcheinlich zum Bergſteigen nicht ganz paſſend erſchien) den Arm bie tend ſagte:Wollen's nicht a bißle einhänkle? Mein Gefährte (Sie kennen ſeinen Muth) ſchlug Laver's Aner bieten zuerſt lächelnd ab und ließ ſich endlich nur durch meine Bitte bewegen, abwechſelnd die rechte oder die linke Hand, je nachdem der Abgrund auf dieſer oder jener Seite gähnte, auf die Schulter des braven Burſchen zu legen.

Sie müſſen nämlich wiſſen, daß der Weg nach dem Tomlishorn mehr als eine Stelle hat, die Jemandem, der an Lebensüberdruß leidet, eine merkwürdig bequeme Gele genheit bietet, ſich den Hals zu brechen. Ja, ich geſtehe, daß ich, während wir ſo auf dem ſchmalen Pfade an der Felſenwand hingingen, mehr als einmal dem Nebel ſehr dankbar war, der die Tiefe neben uns mit dichtem Schleier gnädig bedeckte, obgleich wiederum dieſes Hineinſteigen in eine graue Ungewißheit etwas eigenthümlich Schauerliches hat. Dazu kommt, daß der Weg von dem Hötel aus nach dem Tomlishorn erſt im Angriff iſt, und gerade da, wo man ſeiner am meiſten bedürfte, plötzlich aufhört. Aber mit Laver Bali's Hülfe überwanden wir alle Schwierig⸗ keiten, gingen (immer im Nebel) über eine himmelhohe Alp matte, kletterten wieder am Felſen hinauf und kamen aus dem Nebel heraus auf ein kahles Felſenhaupt und da waren wir denn auf dem Tomlishorn.

Und nun ward uns ein Schauſpiel, das in dieſer Groß artigkeit vielleicht wenigen Alpenreiſenden zu Theil wird. Denken Sie ſtch, daß Sie auf einer ſchroffen Klippe ſtehen, mitten in einem Wolkenmeer, das unermeßlich weit rings zu ihren Füßen liegt. Auf einmal fängt das graue Meer an zu wallen und zu wogen, hinüber und herüber, erſt langſam, dann immer wilder, toller, und plötzlich zerreißt es hier und Sie ſehen durch den Spalt in unermeßlicher Tiefe ein im Sonnenſchein lachendes Thal mit puppen großen Häuſern und das Silberband eines Baches durch das wonnige Grün; und plötzlich zerreißt es da und wieder ein ähnliches Bild, und ſo geht das fort in immer bunterem Wirbel, bis, ohne daß Sie ſagen könnten:ſo geſchah es, das ganze unermeßliche Panorama der Alpenwelt in zauber hafter Schönheit vor Ihnen ausgebreitet liegt. Es iſt un beſchreiblich. Die Seele trinkt in vollen Zügen all dieſe Pracht und Herrlichkeit, bis ſie ſchier trunken iſt und man nicht weiß, ob man ſeinem Entzücken in Jauchzen oder Thränen Luft machen ſoll.

So ſtanden wir lange, lange, im Schauen verſunken und hörten nicht auf den guten Laver, der uns die einzel nen Höhenpunkte nannte. Und was iſt's denn auch am Ende, wenn man weiß, daß jene ſilberne Kuppe der große Eiger und jene andere die Jungfrau iſt? Name iſt eitel Rauch, umnebelnd Himmelsgluth. Ich will dort oben von Namen nichts wiſſen; will nicht wiſſen, daß die Menſchen all dieſe Wunder nach Höhe und Breite gemeſſen und ſorg fältig regiſtrirt haben. Liegt die Welt doch da, wie ſie nach der moſaiſchen Sage vor dem Schöpfer gelegen haben muß, als er am ſiebenten Tage ruhte von allen ſei nen Werken und herabſah auf die morgenfriſche Erde und fand, daßAlles ſehr gut war. Vergißt man doch auf dieſer Höhe, ſo fern, ſo fern dem dumpfen Brodem der Erde, daß ſeit jenem Schöpfungsmorgen Manches anders geworden und bei weitem nicht Alles mehrſehr gut iſt; vergißt man doch ſo gern, daß die Liebe ſterben und die Freundſchaft brechen kann, daß die Jugend verrauſcht und daß noch viele Tage kommen werden, von denen wir ſagen: ſie gefallen uns nicht! vergißt ſo gern, daß in dieſem ſelben Augenblick manch Auge thränenlos verzweifelnd vor ſich hinſtarrt, ſo gern, daß unter dem trügeriſchen Boden der modernen Geſellſchaft mit all' ihren ſtolzen Errungen⸗ ſchaften und großartigen Hülfsmitteln die furchtbaren Schlünde ungelöſter und auch wohl unlösbarer ſocialer Fragen klaffen, und daß wir die Kette, mit der jeder denkende und fühlende Menſch an die ſchwere Noth ſeiner Zeit geſchmiedet iſt, wohl verlängert, aber nicht zerriſſen haben; daß dieſe Kette un⸗ ſichtbar und doch unzertrennlich feſt um dieſen unſern Fuß geſchlungen iſt, der uns an jähen Schlünden vorbei, über Felſen hinweg, hinauftrug in dieſe ätheriſche Höhe. Ach, ja wohl, beſter Freund, meine alte Wärterin hatte ſo Un recht nicht, wenn ſie auf mein kindiſches:Ich dachte den grauen Kopf ſchüttelnd erwiederte:Denken macht Kopf ſchmerzen. In gewiſſen Stunden und in gewiſſen Situa⸗ tionen ſollte man ſich das Recht der Kinder wieder holen, das Recht: nicht denken zu brauchen, und zu dieſen Situa tionen gehört wohl jedenfalls, wenn man an einem ſtrah lenden Sommermorgen hoch oben im blauen Aether auf dem Tomlishorn ſteht.

Heute Nachmittag machten wir uns, wiederum in Be gleitung Kaver Bali's, auf, um Alpnach noch bei guter Zeit zu erreichen. Der Weg führt über denEſel, die höchſte