Andrerſeits iſt zu überlegen, welche ungeheuren, durch die Pflege und Wartung der Kinder beanſpruchten Summen, ſo gut wie nutzlos ausgegeben werden, wenn eine große Sterblichkeit unter denſelben herrſcht. Bernoulli berechnete um 1840, daß Frank⸗ reich an 160 Millionen Francs durch die Kinder (die Ver⸗ pflegungskoſten des einzelnen bis zum 14. Jahre zu 1000 Francs durchſchnittlich angeſchlagen), welche vor dem 15. Jahre, alſo eher, als ſie gemeiniglich durch eigene Arbeit ihr Brod verdienen, ſterben, verliert. Dies zuſammen gehalten mit der Thatſache, daß z. B. in Genf (über das wir die frühſten und genauſten ſtatiſtiſchen Angaben beſitzen) von dem Zeitraume von 1560 bis 1600 von 100 Neugeborenen 58 bor dem 10. Jahre ſtarben,
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von 1814— 1833 aber nur 26, ſo ergiebt ſich, wie viel Kapital dem Staate früher mehr verloren ging. — Bekannt iſt ferner, daß mit dem Trockenlegen von Sumpfländern nicht bloß große Landſtrecken für den Ackerbau gewonnen werden, ſondern auch endemiſch herrſchende Wechſelfieber verſchwunden ſind; wie häufig durch Anlegen von guten Abzugscauälen und Cloaken ein vorher ungeſunder Stadttheil weſentlich gebeſſert; durch angebrachte beſſere Lüftung zc. in Gefängniſſen, Waiſenhäuſern, die früher daſelbſt herrſchende große Sterblichkeit bedeutend herabgeſetzt worden iſt. Doch wir wollen nicht durch Anführung weiterer Beiſpiele den folgenden Specialbeſprechungen vorgreifen und uns das nächſte Mal ſogleich zu dieſen wenden. Dr Fr 6
Rerſebriefe aus der Schweiz.
(Fortſetzung.)
Daß unſere Kräfte beinahe erſchöpft waren, und daß wir zuerſt daran dachten, uns zu reſtauriren, können Sie ſich denken. Hatten wir doch bis Sonnenuntergang noch Zeit genug, uns an der entzückenden Ausſicht zu laben. Aber es kam anders. Pilatus hatte nicht umſonſt heute den ganzen Tag den Hut nicht abgeſetzt und den Kragen nicht von den Schultern gethan. Wir waren kaum mit unſerm Kaffee fertig, als ſich an den Fenſtern des Saales eine graue Wolke vorüberwälzte. Wir ſprangen faſt erſchrocken auf und kamen eben noch zeitig genug, um das letzte Stückchen des Vierwaldſtätter Sees verſchwinden zu ſehen.
Das Licht ging aus, Und wir ſaßen im Dunkeln. d. h. alles Ernſtes; es war plötzlich aus hellem Tag Nacht, zum mindeſten dunkler Abend geworden, ſo daß der Wirth die Lichter anzünden mußte. Er meinte, die Sonne würde wohl wieder zum Vorſchein kommen; aber die beiden Herren, die wir bei unſerer Ankunft im Saale fanden, ſchüttelten den Kopf. Es waren ein paar curioſe Käuze, dieſe beiden Herren. Der Eine war, wie ich hernach aus dem Fremdenbuche ſah, ein Pre⸗ diger aus Aarau, ein hochgewachſener Mann mit einer ſo ſelt⸗ ſamen Vogel⸗Phyſiognomie, wie man ſie an dem längſten Sommertage nicht zweimal findet. Der Audere K. K. Lieute⸗ nant, übrigens ebenfalls Schweizer, — ich vermuthe, daß der Prediger vor Zeiten des Lieutenants Hauslehrer geweſen war. Sie waren ſchon drei Tage auf dem Pilatus und warteten vergeblich auf einen hellen Tag. Inzwiſchen ſaßen ſie vor dem Ofen — in welchem von Morgen bis Abend ein helles Feuer brennt — ſchürten die Gluth und rauchten unausgeſetzt Ci⸗ garren. Der Lieutenant ſprach kein Wort, der Prediger wenig. Und nun denken Sie ſich einen großen, ſpärlich erleuchteten Saal mit dieſer geiſtreichen Geſellſchaft, und draußen ein Nebelmeer, das mit jedem Augenblick trüber und trüber wird, und ich frage Sie, ob dieſe Situation nicht einigermaßen un⸗ heimlich iſt. Nach dem ſchweigſamen Abendeſſen gingen wir, dicht in unſere Plaids gehüllt, noch ein wenig vor die Thür und wandelten eine Zeitlang auf dem nicht eben großen. Platze vor dem Hauſe auf und ab. Nach unten war von Ausſicht nicht die Rede. Man hätte eben ſo gut durch eine zehn Fuß dicke Mauer als durch die Nebelſchichten ſehen können. Aber um uns her und über uns war der Nebel etwas lockerer ge⸗ worden. Von Zeit zu Zeit kam die braune, ſchroffe Wand der höheren Kuppen des Gebirges etwas zum Votſchein, eine Felſen⸗ maſſe, eine wildzerklüftete Zacke, anzuſchauen wie ein altes ver⸗ wittertes Geſicht — ein geiſterhaftes Treiben. Es war, als
wenn aller Sonnenſchein und alle Lieblichkeit auf ewig aus der Welt verſchwunden wären, und die Verſicherung des Wirthes, daß in dieſem ſelben Augenblick drunten im Thal vielleicht die ſchönſten Abendlichter ihr goldgrünes Geſpinnſt über die Seen und Matten weben, erſchien geradezu lächerlich. Und doch hatte er, wie ich heute Abend erfuhr, Recht gehabt. Es war geſtern hier in Alpnach und überall am See ein entzückend ſchöner Abend geweſen. Nur um das Haupt des Pilatus habe eine Wolke gelegen. Ja wohl! wir wußten ganz genau, wie dieſe Wolke inwendig ausgeſehen hatte.
Der Eigenſinn des Pilatus, ſelten ſeinen Kragen ab⸗ zuthun, wird ihm nie mit ſeinem Nebenbuhler auf der an⸗ dern Seite des Sees, dem Rigi, rivaliſiren laſſen können, obgleich nach dem Urtheil Aller, die beide Berge kennen, der um 1000 Fuß höhere Pilatus ſowohl durch die Schön⸗ heit der Ausſicht, als durch ſeine eigene Großartigkeit, den andern Berg bei weitem übertrifft. Ich für mein Theil bin der Anſicht, daß dem Pilatus an dem Beſuch der Menſchenmäuſe, die an ſeinen Seiten herumkrabbeln, gar nichts gelegen iſt, und daß er ihnen zum Hohn und Trotz den Kragen umbehält. Was ſollen Wirthshäuſer auf ſei⸗ nen Schultern? was gar die Kapelle, welche der Beſitzer von dem Hötel auf dem Klimſenhorn Egg, ich weiß wahr⸗ haftig nicht, für wen und wozu, hat erbauen laſſen? Der Pilatus iſt ein Berggeiſt, der nichts von der alle Welt be⸗ leckenden Cultur wiſſen will, und ich glaube alle die Ge— ſchichten, die von ſeiner heidniſchen Abkunft und von ſeinen Koboldneigungen erzählt werden. Ich glaube auch, daß er nächtlicher Weiſe in den verhaßten Gaſthäuſern ſpuken geht, z. B. mit ſeinem eiskalten Geiſterathem in die ofenloſen Fremdenzimmer hineinhaucht und bis zum Morgen mit hei⸗ ſerer Stimme krächzt und kräht, wenn auch der Wirth be⸗ hauptet, daß letzteres Geräuſch von den jungen Hähnen herrühre, die im Hofe eingeſperrt ſeien. Wenn es wirklich junge Hähne waren, warum bekamen wir ſie am nächſten Mittag nicht auf den Tiſch anſtatt des alten zähen Hammel— bratens, der mindeſtens ſchon drei bis vier Wochen in Eſſig gelegen hatte?
Auch heute Morgen — mir kommt es vor, als ſei das ſchon acht Tage her — bewies Pilatus, daß er, ſelbſt gut gelaunt, von ſeinen Tücken nicht ganz laſſen könne. Um halb vier Uhr, wo wir aufſtanden, Alles klar, die ganze Welt in ein durchſichtiges, feines, blaues Morgenkleid ge⸗ hüllt. Eine Viertelſtunde vor Aufgang der Sonne undurch⸗
ſichtig grauer Nebel allüberall. Wieder eine Stunde ſpäter
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