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Betrachtungen nicht ganz umgangen werden, weil ſonſt alle, die aus ihnen folgenden Regeln der Begründung entbehren würden und ein bewußtes und verſtändiges Eingehen in die Abſichten derſelben unmöglich wäre. Wie reichhaltig der theoretiſche Theil unſerer Wiſſenſchaft iſt und wie groß die Menge der Hülfs⸗ wiſſenſchaften, die er ſich dienſtbar macht, wird folgende Ueber⸗ ſicht lehren.
Soll das Leben geſundheitsgemäß eingerichtet werden, ſo ſind vorerſt die Bedürfniſſe des menſchlichen Körpers in Bezug auf ſeine geiſtigen und phyſiſchen Thätigkeiten und die dieſen zu Grunde liegenden Vorgänge genau zu erörtern und feſtzuſtellen; es ſind dieſe Bedürfniſſe nach Alter, Geſchlecht, Beſchäftigung . zu ſpecialifiren; nach ihrer Wichtigkeit, das iſt: der größern oder geringeren Dringlichkeit ihrer Befriedigung zu laſſificiren und die Nachtheile zu bezeichnen, welche aus einer in ihrer Art unzureichenden oder an ſich unpaſſenden Befriedi⸗ gung entſpringen. Es werden alſo hier Fragen der auf die Lebensvorgänge im Thierleibe angewandten Phyſik und Chemie d. h. der Phyſiologie), ſowie der reinen Seelenlehre (Pſychologie) zu beſprechen ſein. Iſt dieſer eine große Factor feſtgeſtellt, ſo gilt es die Beſtandtheile des zweiten, der auf den Menſchen ſtattfindenden äußeren Einflüſſe, nach ihrem hygieiniſchen Werthe, welcher durch die Heftigkeit, Häufigkeit oder Stetigkeit ihrer Einwirkungen, durch die Nützlichkeit oder Schädlichkeit derſelben u. ſ. f. beſtimmt wird, zu analyſiren. Es iſt aber die Zahl dieſer äußeren Einflüſſe außerordentlich groß. Zu ihnen rechnen, um nur die hauptſächlichſten anzuführen, die Nahrungs⸗ mittel und Getränke, ſowohl die für die Erhaltung des Lebens unentbehrlichen, als auch die, welche uns als Genußmittel dienen; die Wohnung des Einzelnen und größerer Menſchencomplexe Haus, Stadt ce.) und die damit zuſammenhängenden Verhält⸗ niſſe der Beleuchtung, Heizung, Abzugscanäle und Aborte; die Kleidung und die der Hautpflege dienenden Waſchungen und Bäder; die verſchiedenen Beziehungen des Familienlebens, nament⸗ lich die Che; Arbeit, Ruhe und Schlaf, ſowie die verſchiedenen Berufsarten, Gewerbe- und Beſchäftigungsweiſen; die allge⸗ meineren Einflüſſe, welche durch die atmosphäriſchen Verhält⸗ niſſe: Licht, chemiſche Beſchaffenheit der Luft, Bewegung, Druck, Feuchtigkeit ꝛc. derſelben; durch die verſchiedene Wärmever⸗ theilung auf der Erde Gahreszeiten und Klimate); durch die Beſchaffenheit des Bodens, auf welchem der Menſch lebt, nach ſeiner Feuchtigkeit oder Trockenheit, ſeiner größern oder ge⸗ ringeren Erhebung über das Meer und ſeiner Configuration (Liefländer, Hochländer, Gebirge, Thäler ꝛc.); durch das Maaß der Gewäſſer und ihre chemiſche Beſchaffenheit u. ſ. f. beſtimmt werden. Der Kreis der hierbei in Contribution gezogenen Wiſſenſchaften iſt noch größer, als bei Erörterung des erſten Punktes. Wir bedürfen hierbei ebenfalls der Phyſik und Chemie an ſich in ausgedehnteſtem Maaße, ſowie in ihrer Verwerthung in der Meteorologie, Klimatologie und phyſiſchen Geographie. Außerdem wird uns die Natvinalökonomie und beſonders die vergleichende Statiſtik, eine noch ziemlich junge Wiſſenſchaft, reiche Ausbeute gewähren. Inſofern als dieſe äußern Einflüſſe zugleich in Rückſicht auf ihre Schädlichkeit oder Nützlichkeit claſſificirt werden, greifen wir auch in das Gebiet der Krank⸗ heitslehre Pathologie) herüber, indem wir vielfach von Krank⸗ heitsurſachen zu ſprechen haben werden. Dieſe Lehre von den Krankheitsurſachen (etiologie) wird zwar in den meiſten Fällen nur ganz allgemein gehalten ſein können, aber immerhin be— ſtimmt und ſpeciell genug bezeichnete Anhalte gewähren, um daraus eine Anweiſung zu Verhütung von Krankheiten und geeigneten Vorbeugungsmaßregeln (Prophylaxis) herleiten zu können. Dieſer Abſchnitt der Hygieine, der dritte, welcher von
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den Schutzmitteln gegen die nachtheiligen Einflüſſe handelt, ſo wie der vierte, in welchem die geſu ndheitsge⸗ mäße Verwendung der günſtigen gelehrt wird, bilden den practiſchen Theil unſeres Gegenſtandes und werden uns, wie oben erwähnt, hauptſächlich beſchäftigen. Aus dieſem Grunde, ſowie, weil ein ſpecielleres Eingehen auf die erſten beiden Abtheilungen nicht möglich iſt, da hierzu den meiſten unſerer Leſer die nöthigen Vorkenntniſſe fehlen würden, kann eine derartige Gliederung des Stoffes nicht ſtreng durchgeführt werden. Ein Hinweis auf dieſelbe ſchien uns aber nothwendig, damit der Leſer im Stande ſei, die gelegentlich aus dem einen oder anderen Kapitel eingeflochtenen Bemerkungen, unter all— gemeinerem Geſichtspunkte zu ordnen und ihnen die richtige Stellung anzuweiſen. Wir werden in der Weiſe verfahren, daß wir als Leitfaden und Grundlage unſerer Betrachtungen die äußern Einflüſſe nehmen und hieran die unumgänglich nothwendigen Erklärungen über ihre Natur und die auf ſie
bezüglichen menſchlichen Bedürfniſſe und Lebensbedingungen
knüpfen, um hieraus die Anweiſungen über ihre Verwendung und Regulirung, ſowie die etwa nothwendigen Schutzmaßregeln herzuleiten. . Man meine aber nicht, daß es zwar im Allgemeinen recht gut und angenehm, im einzelnen Falle ſelbſt recht nützlich ſei, ſich mit derartigen Fragen vertraut zu machen, und die aus ſolcher Beſchäftigung gewonnenen Einſichten gelegentlich anzu⸗ wenden, daß es aber noch weit wichtigere Dinge für den Ein⸗ zelnen, wie für den Staat gebe, die noch weit mehr verdienten, die Aufmerkſamkeit zu erregen und zu feſſeln. Nun wollen wir nicht leugnen, daß es allerdings noch recht viele Gegenſtände von gleichfalls hohem und allgemeinem Intereſſe giebt, allein die Hygieine findet ſicherlich unter den wichtigſten ihren Platz. Dies haben ſtets, ſelbſt ſchon in den älteſten Zeiten, alle guten Geſetzgeber thatſächlich anerkannt, denn wir finden unter ihren geſetzlichen Beſtimmungen immer auch einige, welche ſich auf hygieiniſche Verhältniſſe beziehen. So bei Moſes das durch das Klima . begründete Verbot gewiſſer Speiſen, bei Mohamed des Weines, bei faſt allen morgenländiſchen Legislatoren werden Waſchungen und Bäder zu gottesdienſtlichen Handlungen ge⸗ ſtempelt. Es iſt unglaublich, wie weit und tief die Folgen gutgeordneter, oder vernachläſſigter hygieiniſcher Verhältniſſe, hier im übeln, dort im guten Sinne ſich erſtrecken; wie die Ar⸗ beitsfähigkeit eines ganzen Volkes, ſein Reichthum, ſeine Sitten, ſein moraliſches Befinden von dem Zuſtande der Hygieine beein⸗ flußt werden. Wir wollen aus der großen Menge von Be⸗ weiſen (ie ſich in den folgenden Abhandlungen direct oder indirect bieten werden) nur einige wenige Beiſpiele heraus⸗ greifen. So iſt z. B. die mittlere Lebensdauer der Menſchen in Folge der verbeſſerten hygieiniſchen Verhältniſſen bedeutend geſtiegen. In Genf erreichten von 1000 Verſtorbenen das Alter das Alter das Alter das Alter
in dem Zeitraum von von 60 J. von 70 J. von 80 J. von 90 J.
1561 — 1600 76 M 36 M 10 M 2 M. 1601 — 1700 74 22 3 1701— 1760 243 13 40 4 1761— 1800 6 156 51 5 1801 — 1813 305 53 5 1814— 1833 3 56 5
Es ſtieg die mittlere Lebensdauer von 18 Jahren zu Ende des 16. Jahrhunderts bis auf etwa 41 Jahre in unſerer Zeit. In Frankreich war ſie zu Ende des 18. Jahrhunderts 26 Jahre, gegenwärtig iſt ſie 39 Jahre u. ſ. f. Man bedenke, wie viel Arbeitskraft einem Staate erwächſt, wenn die mittlere Lebens⸗ dauer ſeiner Bürger um ein, zwei oder mehrere Jahre ſteigt.
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