Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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herrſchenden Grundſätzen gerathen iſt, ſein Lehramt niederzu⸗ legen gezwungen hat, und der ſchon ſeit Jahren in Zeitungen und Journalen das führt, was die vormärzlichen Büreaukraten und Dunkelmännereine ſcharfe Feder zu nennen liebten. Armer Münzer! nicht umſonſt hat Dir das Schickſal einen ſo verhängnißvollen Namen gegeben! Wie Dein unglücklicher Na⸗ mensvetter aus den Bauernkriegen haſt auch Du Dich durch den Wuſt theologiſcher Scholaſtik hindurcharbeiten müſſen zur Religion der Freiheit! Und Bauernblut iſt es, das ſo feurig in Deinen Adern fließt, und Bauernmark iſt es, das Deinem mächtigen Leibe die ſtolze Kraft giebt, die ein Menſchenalter der Noth, des zum Theil verzweifelten Kampfes um das täg⸗ liche Brot, der unausgeſetzten, aufreibenden Arbeit nicht haben erſchüttern können. Was Du wohl ſagteſt, edelſter, beſter meiner Freunde, wenn Du mich, Deinen Schüler und Zögling, jetzt hier ſäheſt in Mitten dieſes ſtolzen Parkes, den ariſtokra⸗ tiſche Prunkſucht einſt geſchaffen und ariſtokratiſche Laune jetzt verwildern läßt! mich hier träumend fändeſt in dieſer Zeit, wo die ganze Welt aus den Fugen iſt, und tüchtige Mannesarbeit im Preiſe ſteigt!

Es fiel Wolfgang ein, daß zu dieſer Stunde eine große Studentenverſammlung in der Aula des Univerſitätsgebäudes tagte, in der über die in Anregung gebrachte Bildung eines bewaffneten Studentencorps Beſchluß gefaßt werden ſollte. Er hatte ſich für einen Gedanken, der ihm mit ſo viel unlautern Elementen kindiſcher Eitelkeit und hohler Prahlerei verſetzt ſchien, nicht begeiſtern können. Er dachte darüber nach, wie wohl Münzer die Sache auffaſſen, und was wohl Münzer bei einer ſolchen Gelegenheit ſprechen würde. Er ſah im Geiſt auf der Rednerbühne den gewaltigen Mann ſtehen; er glaubte ſeine tiefe, weiche Stimme zu hören, undeutlich erſt, dann deutlicher und immer deutlicher, zuletzt jedes Wort, wie es den be⸗ redten Lippen über die athemloſe Menge zuckte:O, glaubt es nicht, was eure Gegner ſagen! Es iſt kein leeres Spiel, was ihr da treiben wollt, und keine eitle Ehre iſt es, die ihr er⸗ ſtrebt. Mögen Weiſere, als ihr, beſtimmen, was Recht iſt, und berathen, was Noth thut; aber um ihren Beſchlüſſen Nachdruck zu verſchaffen, um zu bewirken, daß die Stimme des Senats nicht ungehört verhalle auf dem brauſenden Forum, dazu be⸗ darf's der jungen, rüſtigen Kraft, bedarf's ſolcher, die den Muth haben, zu handeln, ja und auch gelegentlich einmal drein zu ſchlagen, wenn es mit Gutem denn gar nicht gehen will. Oder glaubt ihr, der Freiheit goldenes Samenkorn werde ſein, wie der Weizen, der auf das gute Land fiel und Früchte brachte hundertfältig und tauſendfältig? Glaubt ihr, daß dumpfe Phi⸗ liſterſeelen auf einmal begreifen werden, was die Freiheit iſt? daß hochmüthige Ariſtokratenherzen ſo ohne weiteres für Gleich⸗ heit ſchlagen können? daß Pfaffen und Pfaffenknechte, nachdem ſie Jahrhunderte lang die Andersgläubigen verketzert und excom⸗ municirt, ſo ohne Uebergang ſich für Brüderlichkeit begeiſtern werden? Nein! und abermals nein! Ich ſage euch: noch gilt Gewalt für Recht, und darum muß das Recht gewaltig ſein, gewaltiger als die Gewalt. Das iſt der tiefe Sinn des Waf⸗ fenſpiels, das euren Gegnern ſo kindiſch ſcheint. Die Men⸗ ſchenrechte in der einen und das Schwert in der andern Hand

ſo und nicht anders wird die Freiheit ihren Weg durch die Nationen machen . . .

Und doch ſteht geſchrieben: wer das Schwert erhebt, ſoll durch das Schwert umkommen, ſagte eine ſanfte Stimme un⸗ mittelbar in Wolfgangs Nähe.

Wer iſt da? rief der Jüngling, ſich beſtürzt von der Bank erhebend und um ſich blickend.

Ich bin's! ſagte die ſanfte Stimme; und ein Mann, der

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unbemerkt von Wolfgang durch den Park dahergekommen war, trat hinter der Tuffſteinmauer hervor, zog die Mütze vom Kopf und verbeugte ſich mehremals in einer ſeltſam linkiſchen Weiſe.

Voller Verwunderuug betrachtete Wolfgang die wunderliche Geſtalt. Sein erſter Eindruck war, daß er es mit einem jener Unglücklichen zu thun habe, deren Geiſt in der Nacht des Wahnſinns troſtlos umherirrt; aber ein zweiter Blick in das hagere, friedliche Geſicht, aus dem die tiefklaren Augen ſo kind⸗ lich fromm hervorſchauten, belehrte ihn eines Andern, und den demüthigen Gruß des Mannes freundlich erwidernd, fragte er:

Mit wem

Ich heiße Schmalhans, ſagte der Mann ſchnell,Bal⸗ ihaſar Schmalhans. Ich habe den Herrn in einem Selbſtge⸗ ſpräch geſtört und bitte ſubmiſſeſt um Entſchuldigung; aber ich konnte nicht unterlaſſen, als ich den Herrn ſagen hörte, was ich nach meiner unmaßgeblichen Meinung bitte tauſendmal um Entſchuldigung!

Und Balthaſar, der unter dem prüfenden Blick des jungen Mannes mit jedem Worte verlegener geworden war, und den irdenen Henkeltopf, den er in der Hand trug, immer heftiger mit dem einen Flügel ſeines Fracks geſcheuert hatte, verbeugte ſich und wollte ſich eiligſt entfernen; aber Wolfgang hielt ihn zurück.

Sie wollen vermuthlich nach dem Schloſſe; nicht zuſammen gehen?

O, nein, nein! bitte dringend! ich hatte ganz vergeſſen, daß ich beſtimmten Befehl habe mich vor den Herrſchaften nicht ſehen zu laſſen; mein Weg führt nicht nach dem Schloſſe, im Gegentheil.

Wolfgangs Neugier war durch das ſonderbare Benehmen und die wirren Reden des Mannes auf's höchſte erregt. Wer war dieſer Caspar Hauſer, der ſich vor den Beſuchern des Schloſſes nicht ſehen laſſen durfte?

Beſtimmten Befehl? von wem? fragte er, an Balthaſars Seite hergehend.

Von ihr; erwiderte dieſer, einen ſcheuen Blick nach der Richtung werfend, in welcher das Schloß lag.

Von ihr? wer iſt das? Der Drache von Haushälterin etwa?

Ja, von meiner Frau; beſchleunigend.

Das Ihre Frau? rief Wolfgang, unwillkürlich in ein Gelächter ausbrechend;ja freilich, nun begreife ich Ihre Ab⸗ neigung vor dem Schloſſe vollkommen.

Nicht wahr? erwiderte Balthaſar;Sie begreifen das? Ich bin ein friedlicher Mann; ich habe keinen Wunſch, als mit Jedem in Ruhe und Freundſchaft zu leben; weshalb ſoll ich mich ohne Noth ihrem Zorne ausſetzen? lieber gehe ich einmal mehr in meinem Leben hungrig zu Bette.

Ein Flattern und Zirpen in der Hecke, an der ſie hin ſchritten, erregte Balthaſars Aufmerkſamkeit. Er bog die Zweige vorſichtig auseinander und ſchaute hinein.

O, ſehen Sie nur! ſagte er leiſe, ſich mit freudeſtrah⸗ lendem Geſicht zu Wolfgang wendend;ſehen Sie nur!

In einem Neſtchen lagen drei oder vier mit weichem Flaum

edeckte Vögelchen, die mit gereckten Hälſen die gelben Schnäbel n aufſperrten.

Arme Thierchen! ſind hungrig; ſagte Balthaſar, die Zweige wieder zuſammenlegend. Dann fing er an in ſeinen Taſchen zu ſuchen, bis er zwiſchen Endchen Bindfaden, vertrock⸗ neten Pflanzen und anderem Kram glücklich eine Brotrinde entdeckt hatte, die er zerbröckelte und neben der Hecke auf die Erde ſtreute.Das ſoll ihnen gut bekommen. Jetzt ſchnell

können wir

ſagte Balthaſar, ſeine Schritte