Periodikum 
Otto Janke's Deutsche Wochenschrift : Monatsausg.
Entstehung
Berlin Im Digitalisierungsprozess 1863/1864, 1863-1863
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wehten, hätte ſich Odyſſeus mit allen ſeinen Genoſſen verbergen können. Ein ſtattliches Gewächshaus in der Nähe des Schloſ⸗ ſes war eine öde, mit Topfſcherben, faulenden Brettern und wucherndem Unkraut angefüllte Ruine, in welcher die eben aus geflogene erſte Brut unzähliger Spatzenneſter lärmte. Nicht viel beſſer war es einem kleinen von hohen Bäumen überſchat⸗ teten Tempel ergangen, welcher, wie eine kaum noch leſerliche Inſchrift beſagte, von dem Erbauerder Freundſchaft gewidmet war. Zwiſchen den Trümmern des zum größten Theil einge⸗ ſtürzten Kuppeldaches, das in ſeinem Fall die pausbäckigen Genien von den Poſtamenten geſchlagen hatte und jetzt den Boden fußhoch bedeckte, mußten, nach den umhergeſtreuten Fe⸗ dern und abgenagten Vogelknochen zu ſchließen, Füchſe und Marder ihre blutigen Banquets halten. Ueberall in den Gän⸗ gen des Parks ſchoß friſches Unkraut luſtig zwiſchen dem ver⸗ modernden Unkraut ſo vieler Sommer hervor: hier und da blickten aus wüſtem Geſtrüpp verwitterte Statuen aus Sand⸗ ſtein, von denen die wenigſten noch mit Kopf und Armen ver⸗ ſehen waren.

Je weiter Wolfgang in die Wildniß drang, deſto wunder⸗ licher und traumhafter wurde ihm zu Sinnen. In dieſer Wüſtenei, wo Alles, was des Menſchen Hand geſchaffen, dem Verfall und der Vernichtung preisgegeben war, hatte ſelbſt der helle, warme Nachmittagsſonnenſchein etwas Geiſterhaftes, und das Zwitſchern und Singen der neſterbauenden Vögel klang wie verhallende Stimmen aus der fernen Jugendzeit.

Er ſetzte ſich auf eine Bank, die in einer mit Epheu dicht überſponnenen Niſche aus Tuffſteinen ſtand. Der kleine Platz vor ihm, der früher ein Ziergärtchen geweſen ſein mochte, war rings umher von einer Wand dunkelgrünen Nadelholzes einge⸗ ſchloſſen. Die ganze Welt ſchien um ihn verſunken, und wie er ſo, den Kopf in die Hand geſtützt, daſaß, verfiel er in jenen Zuſtand, der nicht Schlafen und nicht Wachen, ſondern ein Mittelding zwiſchen beiden iſt, wo die Bilder unſerer Phantaſie traumhafte Deutlichkeit gewinnen, ohne daß der Faden des Den⸗ kens dadurch zerriſſen würde.

Er ſah ſich als kleinen, ſchmächtigen Knaben mit dem Ränzelchen auf dem Rücken durch die engen, vielfach gewunde⸗ nen Straßen der altehrwürdigen Rheinſtadt zur Schule wan⸗ dern. Der Morgenſonnenſchein liegt ſo lieblich auf den Gie⸗ beln der Häuſer und all das verworrene Geräuſch einer volk reichen Handelsſtadt von dem Bim⸗Baum der Glocken in den Thürmen der hohen Kathedralen bis zu den gellenden Stimmen der Höckerinnen, die ihre Waaren ausſchreien; und das bunte Treiben der geſchäftigen Menge: rollende Wagen, ſich drängende Fußgänger, unter Trommel- und Pfeifenklang vorbeimarſchirende Soldaten mit blitzenden Gewehren, plärrende Proceſſionen mit flatternden Kirchenfahnen wie das Alles an den friſchen Sinnen des Kindes, verworren im Ganzen und Großen, und im Einzelnen ſo unendlich klar vorüberzieht! Und dann ſitzt er in dem langen, ſchmalen Schulraum unter einem Heer von kleinen Knaben, die alle entſetzlich mit den ſcharfen Federn in den Schreibbüchern kritzeln, und er blickt unterdeſſen nach der hohen gewölbten Decke, wo der Widerſchein der Sonne in dem Glaſe Waſſer des Herrn Lehrers auf dem Katheder in goldenen Ringen und Streifen tanzt, und plötzlich faßt eine grobe Hand an ſein Ohr und eine grobe Stimme ruft:Iſt das eine A, iſt das eine B, verflixter Bube? Und zwiſchen all den großen Freuden und kleinen Leiden ſeiner Kinder⸗ und Knaben⸗ jahre ſieht er immer ein ſchönes, liebes, blaſſes Geſicht; und je ilter und verſtändiger er wird, deſto öfter ſieht er es und deſto ſchöner und lieber erſcheint es ihm. Er ſieht es ſich über ihn beugen, wenn er krank im Bette liegt; er ſieht es über ſeine

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Schulter auf ſeine Schularbeit blicken; er ſieht es holdſelig lächeln, wenn er von all den Heldenthaten phantaſirt, die er im Leben noch auszuführen gedenkt; er ſieht es von Thränen überfloſſen, wenn er in wilder knabenhafter Heftigkeit die beſte, gütigſte der Mütter erſchreckt hat. Doch das kommt ſelten vor, denn der Knabe liebt ſeine Mutter, ja er betet ſie an. Sie iſt ihm der Inbegriff von Allem, was ſchön und gut auf Erden iſt; mit ihr zu leben, ihr Alles mitzutheilen, was ſein junges, volles Herz bewegt, iſt ihm unabweisliches Bedürfniß, um ſo mehr, als er niemals weder Brüder noch Schweſtern gehabt hat, denen er von ſeiner Liebe hätte abgeben müſſen. Die Mutter iſt ſeine beſte, ſeine einzige Vertraute, und es kommt bald die Zeit, wo er auch der Vertraute der Mutter iſt. Die Mutter iſt oft krank, und da ſitzt er dann, während ſeine Ka⸗ meraden vor den Fenſtern ihrer Schönen Parade machen, oder in Winkelkneipen bei einem verſtohlenen Kruge Wein dem ſtren⸗ gen Verbote der Schule Trotz bieten, ſtundenlang an ihrem Bett und hält die ſchmale weiße Hand in det ſeinen oder legt ſeine Hand auf die brennenden Schläfe der von Schmerzen Gepeinigten, und iſt glücklich,, wenn ihre leiſeren, ruhigeren Athemzüge die magnetiſche Wirkung, welche die Mutter in dieſer Berührung gefunden haben will, zu bewahrheiten ſcheinen. In ſchmerzensfreien Stunden dann kommt die Mutter oft auf ihre Verhältniſſe zu ſprechen. Sie bedauert den Vater, den ſie durch die Heirath mit ihr, dem armen Bürgermädchen, um die glänzende Zukunft betrogen habe, die ihm, dem Officier, durch ſeine adlige Geburt, ſeine vornehme Verwandtſchaft, ja ſelbſt durch ſeine Schönheit und ſeine vielfachen Talente geſichert ſchien. Durch dieſe Heirath ſei er aus ſeiner Carriére geriſſen, mit allen ſeinen Verwandten zerfallen, vorzüglich mit der alten Excellenz auf Rheinfelden, der es nur ein Wort koſte, um den Vater aus all den Verlegenheiten zu reißen, in die er, der zum Geſchäftsmann gewordene Cavalier, bei ſeiner erklärlichen Un⸗ beholfenheit im Handel und Wandel nothwendig gerathen mußte. Dieſe Verlegenheiten des Vaters, in die der ſcharffinnige Knabe durch die Mittheilungen ſeiner Mutter, durch manche häusliche Scenen, deren unfreiwilliger Zeuge er iſt, nur zu früh und doch nur unvollſtändig eingeweiht wird, ſind wie eine dunkle Wolke, die ihren Schatten über das ſonnige Land ſeiner Jugend wirft und ihn zu einer Zeit, wo der Horizont anderer Knaben nicht über das Haus und die Schule hinausreicht, über die ernſten Conflikte des Lebens nachzudenken zwingt. Anderes kommt hinzu, den früh geweckten Hang zum Grübeln wach zu erhalten. Die Nachbarskinder verſpotten ihn wegen ſeiner ge⸗ wählteren Sprache und ſeiner beſſeren Manieren, und werfen ihm vor, daß er einHerr von ſei, und die jungen Adligen in der Schule rümpfen die Naſe über ihn, weil ſein Vateran der Börſe ſpeculire. Der vornehmen Verwandten ſeines Va⸗ ters, die er kaum von Anſehen kennt, die ſeinen Vater, ſeine Mutter, ihn ſelbſt vollſtändig verleugnen, hört er mit größerer Achtung erwähnen, als der plebegiſchen Verwandten ſeiner Mut⸗ ter, von denen er ſelbſt ſtets nur Gutes und Liebes erfahren hat, von denen er weiß, daß ſie ſeinen Vater vielfach mit Rath und That unterſtützt haben. So wühlt der Zweifel an dem Werth der beſtehenden Verhältniſſe immer tiefer in ihm; aber an dieſem Zweifel, der ſich manchmal zu einer völligen Ver⸗ zweiflung ſteigert, erſtarkt der Charakter des Knaben, feſtigt ſich der Entſchluß des Jünglings: für ſeine Perſon das Rechte zu thun und, ſoviel an ihm iſt, dafür zu wirken, daß Recht und Gerechtigkeit auf Erden geübt werde. In dieſer Richtung' ſeines Geiſtes beſtärkt ihn vor allem der vertraute Verkehr mit einem ſeiner früheren Lehrer, den der Conflict, in welchen ſeine Freiſinnigkeit mit den im Staate