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hätten, halb todt auf dem Rigi angekommen, und zweitens gewinne ich ſo Zeit vollauf, Ihnen, verehrter Freund, eine Fortſetzung meiner Reiſeſchilderung zu liefern. Sagte mir doch geſtern ſchon mein prophetiſches Gemüth, daß Sie ſich eher über die Fülle, als über die Dürftigkeit meiner Mit⸗ theilungen zu beklagen haben würden.
So folgen Sie mir denn zurück zu Bad Pfäfers, wo wir in dem Speiſeſaale vorerſt ſehr guten Kaffee getrunken haben, um uns für den Heimweg zu ſtärken, denn wir haben noch Großes vor. Wir wollen 10 Minuten unterhalb des Kurhauſes die wilde Tamina a einem hölzernen Steg überſchreiten und auf zu Dorf Pfäfers hinaufſteigen — denn alſo will es Berlepſch.
Wir gehen den Weg, den wir gekommen, zurück und jetzt erſt ſind wir ruhig genug, um die pittoreske Schönheit der hohen ſteilen Berge zu bewundern, die uns von allen Seiten ſo cinſchließen, daß ſie manchmal, wo der Weg hin— ter uns und vor uns um ſcharfe Ecken biegt, einen Keſſel zu bilden ſcheinen, aus dem nach keiner Seite ein Ausweg iſt. Jetzt auch erſt haben wir Muße genug, uns der Gebirgs⸗ bäche zu frenen, die aus ſchwindelerregender Höhe zum Theil in einem einzigen Silberfaden die ſchräge glatte Felswand herabeilen, oder ſich von Terraſſe zu Terraſſe hinabſtürzen, hinein in unzugängliche Schluchten. Wo die Berge nicht all⸗ zuſteil abfallen, ſind ſie mit lichtgrünen Matten oder tief— grünen Nadelhel zwäldern bedeckt. Auf einer dieſer himmel hohen Matten ſteht ein Wild, das wir für eine Gemſe hal— ten würden, wenn die Wahrſcheinlichkeit nicht dafür ſpräche, daß es ein Reh iſt. Hoch über der Matte und hoch über dem braunen Geſtein, das es umragt, zieht ein Adler ſeine wundervollen Kreislinien durch die klare Abendluft.
Die Herrlichkeit der Landſchaft wächſt mit jedem Schritte, den wir, nachdem wir den Fluß überſchritten, den Berg hinauf machen. Der Weg iſt ſehr ſteil und führt wiederholt an Tiefen vorüber, in welche wir Neulinge, deren Schwin delfeſtigkeit noch keineswegs erprobt iſt, nur ſchene Blicke werfen. Dennoch ſteigen wir luſtig weiter, den einſamen Pfad empor, immer im Zickzack am Rande des Berges hin durch duftende Büſche, in denen die Vögel ſingen. Bei jeder Wendung des Pfades neue Schönheiten, beſonders der Matten auf den gegenüberliegenden Bergen, die wir von unten nicht wohl ſehen konnten und auf denen hier auf die— ſer Höhe unſer Ange mit Entzücken ruht. Wir bleiben überall ſtehen, wo der Pfad ſich etwas von den ſteilen Ab gründen zurückzieht oder man hoffen darf, in den Büſchen und Bäumen hängen zu bleiben, im Fall man die Dumm— heit beginge, hinunterzufallen. Beſonders können wir uns an einem Waſſerfall nicht ſatt ſehen, den der eine der Bäche bildet, welcher links von uns über den Rand des Felſens in breiterm Fall wohl fünfzig bis ſiebenzig Fuß hinabſtürzt auf einen Vorſprung, von wo aus er, in verſchiedenen Armen weiter eilend, ſich unſerm Blick hinter dem ragenden Tannenwalde Die Entfernung iſt ziemlich bedeutend, eine halbe Viertelſtunde etwa, dennoch können wir die Ein— zelheiten genan erkennen. Bis zu Hälfte bleibt das Waſſer eine compacte Maſſe; von da an theilt es ſich und ſtürzt in einzelnen Säulen weiter hinab, von denen die wenigſten bis an den Felſenvorſprung gelangen; die andern brechen in drei, vier und mehrere Stücke, die wieder brechen und ſich zuletzt in einen dichten weißen Regen auflöſen. Es iſt ein ewig bewegliches, wunderbar anziehendes, und wie alle Schönheit, deren hauptſächlichſter Reiz in der Bewegung
liegt, eigentlich gar nicht darſtellbares Phänomen. Wollte . ——
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man den Fall in einem gegebenen Momente fixiren, was hätte man davon, da das Wunder gerade darin beſteht, daß das Schauſpiel immer daſſelbe und doch in jedem Augenblick ein anderes iſt.
Jetzt nähern wir uns nach einer Stunde mühſamen vorſichtigen Steigens dem Rande der Höhe. Eine Frau kommt uns eilenden Schrittes, beinahe laufend entgegen; ſie trägt einen Knaben von fünf bis ſechs Jahren im Arm. Der Knabe hat ſeinen rechten Arm um ihren Nacken ge— ſchlungen und ſeinen Kopf auf ihre Schulter gelegt. Wir fragen ſie, ob ſie mit dieſer Laſt den Berg hinab wolle? „Ja wohl; nach Bad Pfäfers; ſie habe es eilig; ſei bei Verwandten im Dorf oben zum Beſuch geweſen. — Das Kind trage ſich ſo am beſten, liege ganz ſtill, ſchlafe auch wohl ein.“ Und das nette, junge Weib fängt wieder an, den gerade an dieſer Stelle ungemein ſteilen Pfad hinab zu laufen, ich ſage Ihnen, ſo leicht und offenbar ſo ſicher, daß das Kind in der That ruhig ſchlafen konnte. Welche gute Lunge und welche Muskelkraft ein Marſch den Berg hinab mit dieſer Laſt in dieſem Tempo voransſetzt, das glaubten wir einigermaßen beurtheilen zu können, die wir eben athem los und ſchweißtriefend oben anlangten.
Wir gehen auf dem Rücken des Berges fort. Rechts vor uns ſteigt aus dem Plateau noch eine höhere Spitze auf, die wir gern erſtiegen hätten; aber die Sonne iſt ſchon längſt hinter die Berge geſunken und wir wiſſen nicht, wie weit wir noch bis Ragaz haben. Wir kommen durch das Dorf Pfäfers und erkundigen uns nach der Ruine Warten⸗ ſtein, die in der Mitte liegen und von der man (nach Berlepſch) eine umfaſſende Rundſicht auf das Thal von Ragaz haben ſoll. Niemand kann uns Auskunft geben; ent⸗ weder verſtehen die Leute uns nicht, oder wir ſie nicht; wir müſſen uns auf unſer gutes Glück verlaſſen. Der Weg führt bergab; wir ſehen nichts mehr von dem Taminathale, aus dem wir heraufgekommen ſind, eine ganz andere Landſchaft — das Rheinthal mit ſeinen Bergen — liegt vor uns aus⸗ gebreitet. Und dort vor uns, oder vielmehr unter uns, liegt auf einem Felſenkegel die Ruine, nach der wir wollen. Der Pfad hört auf; wir gehen durch Kleefelder; klettern über ſteinerne Einfriedigungen, immer auf den Burgberg zu, den wir endlich erreichen. Durch wildverwachſene Hollunderbüſche über Steingeröll hinauf einen beſchwerlichen Weg und nun ſind wir oben.
Nicht ohne für unſere Anſtrengungen belohnt zu wer— den. Das Panorama iſt, wenngleich beſchränkt, doch von eigenthümlicher, etwas ſchwermüthiger Schönheit. Vielleicht, daß die Abendſchatten, die ſchon überall in dem Thale und auf den Bergen lagen, der Landſchaft beſonders günſtig waren. Das Thal iſt rings von mehr oder weniger hohen Bergen eingeſchloſſen. In ſeinem Grunde fließt durch breite Sand⸗ und Steinbänke, die er abgelagert hat, der Rhein; an ſeinem Ufer zwei, drei größere und kleinere Ortſchaften, zu⸗ nächſt Ragaz, Sargans, drüben das graubündener Städtchen Meienfeld u. a. Links ſchließt das Bild die herrliche Kette der Churfirſten, deren ſieben Spitzen ſich dunkel von dem lichten Abendhimmel abheben; neben ihnen die ſtolze Pyra— mide des Gonzen; dann zieht ſich das Gebirge im Kreiſe weiter, bis uns faſt gerade gegenüber, der herrliche Falknis (7900 *) und noch mächtiger das Schwarzhorn (8016 *) ihre ſchneebedeckten S erheben. Von der Gewaltigkeit dieſer Herren werden Sie ſich einen Begriff machen, wenn ich Ihnen ſage, daß die Sohle des Thals nur etwa 1500“
über dem Meere liegt; die Rieſen alſo ihre 6000 — 6500“ unter
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