Jahrgang 
1855
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236 Schleswig⸗Holſtein'ſche Bauern.

Zweig des großen nordgermaniſchen Volksſtammes, und zwar gehören ſie jetzt unzweifelhaft den Deutſchen, nicht den ſkandinaviſchen Zweigen dieſes Stammes an. Früher, vor fünfzig Jahren noch, ſprachen ſie der Mehrzahl nach einen Dialekt, der ein plattes Däniſch mit ſtarken Beimiſchungen von niederdeutſch war. Gegenwärtig gibt es unter den fünfzigtauſend Bewoh⸗ nern Angelns keine viertauſend, welche jenen Dialekt noch reden, und keine vierhundert, welche das Däniſch verſtehen, welches ihnen von Kopenhagen als Kirchen⸗, Schul⸗ und Gerichtsſprache beſtimmt worden iſt.

Ein Anderes iſt es mit ihren nördlichen und nordweſtlichen Nachbarn. Die Sprache des Südjüten, der Sundewith, Alſen und das ganze Nord⸗ ſchleswig von Flensburg bis Kolding und von den Grenzen der Frieſen bis nach Ripen hinauf inne hat, iſt noch jetzt allenhalben die däniſche wenn auch nicht die däniſche, in welcher Oehlenſchläger ſeine Bekanntſchaft mit Schiller und den Romantikern verwerthet, und in welcher Profeſſor Mar⸗ tenſen gezeigt, wie fleißig und mit welchem Erfolge er die Gedanken deutſcher Philoſophen und Myſtiker zu den ſeinen gemacht hat. Der däniſch redende Nordſchleswiger trägt, wie bereits erwähnt, einen durchaus deutſchen Typus. Dies wurde vor dem Kriege ſelbſt von den Inſeldänen dadurch zu⸗ gegeben, daß ſie dieſen Theil der Bewohner des Herzogthums Schleswig wunderlicher WeiſeDanske Holſteenere, däniſche Holſteiner, nann⸗ ten. Was die ſkandinaviſche Propaganda auch ſagen möge, der Bauer des Amtes Hadersleben iſt derſelbe Menſch, wie der ſüdlicher wohnende Schles⸗ wiger, vielleicht mit etwas mehr Anhänglichkeit am Alten, mit etwas größerer Verehrung vor dem König in Kopenhagen, mit etwas beſchränkterem Hori⸗ zont, wenn es ſich um das Große und Ganze handelt, und mit etwas fei⸗ nerer Naſe für den Vortheil, im Uebrigen aber ohne Unterſchied. Nur der Holzſchuh, der ſeine Füße bekleidet, und die Bauart ſeines Hauſes läßt außer der Sprache erkennen, daß man in ihm einen Verwandten des Jüten vor ſich hat. Er verlangt, daß man jener ſeiner Sprache Rechnung trägt, aber er will nichts weniger, als einer vonde Kopenhagners, nichts weniger, als ein Däne ſein, ſondernSlesviger, bisweilen auch Sleswigholſteener. Zu Deutſchland hat er keine Liebe; wohl aber ſchickt er ſeine Kinder wo möglich nach Süden, damit ſie deutſch reden lernen, weil ihnen das im Leben forthilft, und weil es vornehm iſt, deutſch ſprechen zu können. Freut ſich doch ſelbſt der Nordjüte, wenn ſein Sohn als Soldat nach