Jahrgang 
1855
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218 Philadelphia.

tenmannigfaltigkeit vorzögen. Die meiſten neigen ſich zu der Anſicht, daß jede Sekte ihr eigenthümlich Wahres und Gutes habe, und gern vergleichen ſie das Chriſtenthum einem Walde, der um ſo ſtattlicher grüne und blühe, je mehr verſchiedenartige Bäume darin neben einander Licht und Luft hätten. In Philadelphia war ſchon frühzeitig dieſe Duldſamkeit einheimiſch, welche ſich nach und nach über alle amerikaniſchen Städte verbreitet hat und, wenngleich ſie ſtürmiſche Ausbrüche der Rohheit und gelegentliche Rauf⸗ händel, namentlich zwiſchen Irländern und Deutſchen, nicht hindert, doch im Ganzen die Menge von Sekten ruhig neben einander entſtehen und vergehen läßt. Daß übrigens keine Sekte die Welt für ſich verlangt, ſondern nur einen Platz darauf für ihre Anhänger, gibt ſich auch in ihren kirchlichen Gebäu⸗ den kund. Faſt alle ſehen nur aus wie Kapellen zum Hausgebrauch: höchſt ſelten erhebt ſich eine dazu, vom unendlichen Weltall eine Idee darzuſtellen, wie der gothiſche Dom, zwiſchen deſſen erhabenen Säulen das geheimniß⸗ volle Dämmerlicht waltet, das gleich der menſchlichen Erkenntniß mehr ahnen läßt, als auffhellt, während draußen an den Strebepfeilern luſtig allerlei Gethier klettert. Auch die Griechen ſuchten in ihren Tempeln den Kosmos im Kleinen ſinnlich vorzuſtellen, aber in ſeiner hellen faßlichen Regelmäßigkeit und entzückenden Schönheit.

Noch einer Liebhaberei der Philadelphier iſt zu gedenken, welche gewiß recht deutſch iſt, obwohl die Engländer darin wohl übertreiben, daß jeder Deutſche mit Lehrmeiſterneigungen geboren werde. Die Philadelphier be⸗ friedigen dieſen Geſchmack, ohne darüber die Sorge für Handel und Ge⸗ werbe, für Macht und Reichthum des Staates zu vergeſſen. Die eigentlichen höheren Ehren der Gelehrſamkeit haben ihnen zwar die Boſtoner vorweg genommen, auch iſt nicht wie bei jenen die Wiſſenſchaft in Philadelphia eine Angelegenheit des Hauſes und des Geſchäftes. Kunſt und Wiſſen dienen hier dazu, dem Leben Gehalt und Schönheit zu verleihen; man iſt nicht ſtolz auf ſeine litterariſchen Reichthümer, weiß aber daraus geiſtiges Vergnügen und Wohlſein zu ziehen. Die jungen Damen in Philadelphia treiben ebenſo kunſtgerecht wie in Boſton ihre Mutterſprache und geben ſich nicht weniger Mühe, ſich im Engliſchen fein, korrekt und wohllautend, auszudrücken, ohne dabei ſo geziert und förmlich zu reden. Soweit in einer amerikaniſchen Stadt davon die Rede ſein kann, findet ſich in Philadelphia wirkliches Ver⸗ ſtändniß der Muſik, welche in mehreren muſikaliſchen Kreiſen mit Liebe geübt wird. Im prächtigen und pomphaften Auftreten ſtehen die Phila⸗