Jahrgang 
1855
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Von Robert Schweichel. 259

15.

Alfred hatte Moreau ſeine Begleitung zugeſagt, der Tag der Abreiſe war feſtgeſetzt, und zum letztenmale ging er nach Montvie hinaus. In den Salon tretend, fand er Charles am Klavier; ſeine Frau ſtand neben ihm, die Kleine auf dem Arme, die ſie nach dem Takte der Muſik tanzen ließ. Hedwig ſaß auf ihrem gewöhnlichen Platz am Fenſter.

Die Vorſtellung, daß er unter ſeinen einzigen Freunden, in dieſem traulichen Zimmer zum letztenmal verweilte, machte Alfred einſilbig und traurig. Es ſtand bei ihm feſt, Hedwig nie wieder zu ſehen, wenn ſein Talent ihren großen Erwartungen nicht entſprechen ſollte. Er mißtraute ſeiner Kraft und fürchtete, daß es ſo kommen würde.

Hedwig, über deren ganzes Weſen eine milde Heiterkeit gebreitet war, ſeit ſie ſich geliebt wußte, ſuchte vergebens mit ihrem hoffnungsvollen Lä⸗ cheln die Schatten von der Stirne ihres Freundes zu verſcheuchen. Seine Stimmung ſteckte ſie unwillkürlich an, und nur mühſam behauptete ſie ihre Faſſung. Die Mahlzeit ging ſchweigend und trübſelig vorüber.

Charles holte ſein Manuſcript hervor, mit dem er in Paris auftreten wollte; er las daraus vor; allein ſeine Gedanken waren eben ſo wenig bei dem Gegenſtande als die ſeiner Zuhörer.

Es ſchlug eilf Uhr. Der peinlichſte Augenblick war gekommen. Was hätte Alfred darum gegeben, jetzt nicht in Montoie zu ſein! Er hatte in den vorhergehenden Tagen zuweilen daran gedacht, ſich heimlich von Lau⸗ ſanne zu entfernen; aber ſeine Liebe hatte den Entſchluß nicht reifen laſſen.

Als er jetzt ſcheidend von den Andern ſich zu Hedwig wandte, ver⸗ ſagte ihm die Stimme. Mit einem Blicke unendlicher Liebe ſchauten ſich beide an, und überwältigt von ihren Gefühlen, vergaßen ſie wo ſie waren und ſanken einander in die Arme. Ihre Lippen begegneten ſich glühend in dem erſten Kuß der Liebe und des Schmerzes. Adelaide hatte ſich weinend weggewendet, Charles das Zimmer verlaſſen. Ein Blick noch, ein Lebe⸗ wohl, in Hedwigs Schluchzen erſtickend, und Alfred riß ſie los.

Als er an der Gartenthüre ſich noch einmal zurückwandte, ſah er im Schimmer des Mondes die weiße Geſtalt der Geliebten auf den Stufen des Periſtyls an einem Pfeiler lehnend. Ihr Tuch winkte durch die Nacht.