Jahrgang 
3 (1867)
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Gott ſteuert die Bäume, daß ſie nicht in den Himmel wachſen.

Eine Erzählung von

C. W. Stuhlmann.

1.

Die Schuhmacherei iſt in unſeren Tagen kein Handwerk, das einen goldenen Boden hat, und allenthalben findet man Zunftgenoſſen, die dem Pechdrath und der Ahle Valet geſagt haben. Seht euch einmal in eurem Wohnorte nach denjenigen Perſonen um, welche einem ungewöhnlicheren, ſo zu ſagen genialeren Broderwerbe nachgehen: befragt einmal den Botenläu⸗ fer, denWeiſer beim Schießſtande, den Haarölfabrikanten, den Hunde⸗ ſcheerer und den Nachtwächter, und ich wette, es ſtellt ſich heraus, daß ſie ſämmtlich oder doch faſt ſämmtlich einſt der Genoſſenſchaft des heiligen Cris⸗ pins und Crispinians angehört haben.

Je kleiner ein Neſt iſt, je mehr Prätenſionen ſtutzen und ſtrotzen darin. Wie mancher wohnt in einem Oertchen, welches ſo klein iſt, daß er nur deß⸗ halb daraus nicht fortzieht, um es nicht noch merklich kleiner werden zu laſ⸗ ſen, und dennoch gibt es in ſolchem Neſtchen an ein Dutzend verſchiedene Coterien und geſellſchaftliche Abſtufungen. Da ſind zunächſt die Herren Beamten, Aerzte und Prediger, dann die Kaufleute, dann die Handwerks⸗ meiſter, deren Töchter nicht ſelber zum Melken auf die Gemeinweide gehen und die auch an Alltagen eine Crinoline tragen, und ſo geht es weiter von Stufe zu Stufe. Wo die dienenden Bürgertöchter tanzen, da tanzen die Schneidermamſellen nicht, und wo dieſe es thun, da würde es ſich wieder

nicht für die Putzmacherinnen und Bäcker⸗ und Zimmermeiſtertöchter ſchicken. Hausblätter. 1867. III. Bd. 1