Jahrgang 
3 (1864)
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22 Das Geheimniß des Advokaten.

gegnete, ſo ſchien er, obſchon ſeine Stimme ſtets den alten freundlichen Ton gegen ſie bewahrte, ſie in einer Weiſe zu vermeiden, welche allem vertrauteren Verkehr wirkſam vorbeugte. So war es in den erſten zwei Jahren nach ihrer Verheirathung; im dritten hörte ſie zufällig, Horace Margrave mache eine Reiſe in der Schweiz und habe die ganze Leitung ſeines ausgedehnten Geſchäfts ſeinem jüngeren Aſſocié überlaſſen.

Im Herbſt des dritten Jahres war Lenor mit ihrem Gatten auf dem Landſitz des Sir Lionel Baldwin zu Beſuch. Seit der Scene mit Mar⸗ grave, die in dem kleinen Beſuchzimmer des Hauſes in der Hertfordſtraße ſtattgefunden, war es zwiſchen Henry Dalton und ſeiner Frau zu keinerlei weiteren Erklärungen gekommen. Nur damals hatte ſich der junge Mann vor ſeiner ſchluchzenden Gattin auf die Kniee niedergeworfen und ſie auf's flehendlichſte gebeten, ſie möge ihm vertrauen und glauben, daß er für ſein Benehmen einen wichtigen und uneigennützigen Beweggrund habe, der ſeine Handlungen vollkommen rechtfertige. Dabei gab er ihr die Verſicherung, daß er ſeinerſeits ſie rein aus Liebe geheirathet und ihn dabei keine geldgierige Rückſicht geleitet habe, und wenn er nun auch mit dem Vermögen, an das ſie dem Scheine nach ein ſo gutes Recht beſitze, an ſich halte, ſo geſchehe dies nur, weil es nicht in ſeiner Macht liege, darüber zu verfügen, wie ſie es wünſche. Doch alle dieſe Vorſtellungen blieben vergeblich. Von Anfang an mit Vorurtheilen gegen ihn erfüllt, hatte ſie ihm nur eine kurze Zeit Vertrauen geſchenkt, um es in einer Ausdehnung wieder zurückzunehmen, wie ſie es ſelbſt in ihrem erſten Argwohn nie für möglich gehalten hätte. Verwundet in ihrer Zuneigung zu einem anderen in einer Zuneigung, deren Tiefe ſie ſich vielleicht ſelbſt nicht zu geſtehen wagte, ſteigerten ſich ihre Gefühle gegen Henry Dalton faſt zum Haß. Sein einfacher praktiſcher Verſtand, ſein ſchminke⸗ loſes, natürliches Benehmen und ſein unermüdlicher Eifer in Verfolgung eines Berufs, für den ſie keinen Sinn hatte, traten in einen ſchroffen Gegenſatz zu ihrer ſchwärmeriſchen, romantiſchen Gemüthsart und machten ſie blind gegen ſeine wahren Verdienſte.

Die Welt weiß überall etwas herauszufinden, und ſo erfuhr ſie denn auch bald die excentriſchen Bedingungen des Arden'ſchen Teſtaments, um ſich danach das Verhältniß des Dalton'ſchen Ehepaars zu deuten. So⸗ bald man weg hatte, daß es keine Neigungsheirath geweſen, meinte man, ſie ſei ſehr zu beklagen, während man ihn beneidete. Lenors augenſchein⸗