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20 Das Geheimniß des Advokaten.
dend, ihre Hand auf die Rücklehne des Seſſels, auf welchem er ſitzt. Es iſt an ſich eine unbedeutende Handlung, aber ſie ſagt ſo deutlich, als es ſich in Worten ausſprechen läßt:„Ihm vertraue ich, dir und der ganzen Welt zum Trotz.“ Auch geht ſie an Henry Dalton nicht verloren, denn er wirft ihr einen ernſten, vorwurfsvollen Blick zu und ſagt:„Unter dieſen Umſtänden alſo, Herr Margrave—.“—„Ich hatte kein Recht, hieher zu kommen; ich gebe dies zu. Auch wäre es nicht geſchehen, wenn nicht—“ er zögerte einen Augenblick; dann ergriff Lenor für ihn das Wort.„Ich ſchrieb meinem Vormund und bat ihn, mich zu beſuchen. Was ſoll dies heißen, Dalton? Welch ein Geheimniß birgt ſich unter alledem? Muß ich es mit anſehen, daß mein beſter und älteſter Freund in meinem eigenen Haus beſchimpft wird?“—„Eine verheirathete Frau hat keinen Freund, als ihren Mann,“ ſagt Henry Dalton mit kaltem Ernſt,„und es iſt vielleicht nicht nach meinem Geſchmack, Herrn Mar⸗ grave als einen Beſuch in unſerem Haus zu empfangen.“—„Sie ſollen nicht länger durch Horace Margrave's Geſellſchaft beläſtigt werden, Herr Dalton.“ Bei dieſen Worten erhebt ſich der Advokat und geht nach der Thüre.„Guten Morgen.“ Er hat ſchon die Hand auf der Klinke, wendet ſich aber noch einmal um und ſagt im Ton einer unterdrückten Bewegung:„Lenor, reichen Sie mir die Hand.“ Sie bietet ihm beide hin; er greift ſie auf, beugt das dunkle Antlitz einen Moment dagegen nieder und fügt dann bei:„Vergeben Sie mir, Lenor, und leben Sie wohl!“
Er iſt fort. Sie ſtürzt ihm bis an's Treppengeländer nach und ruft: „Herr Margrave, Vormund, Horace, kommen Sie zurück— nur auf einen Augenblick kommen Sie zurück!“— Der Gatte folgt ihr, faßt ſie mit ſtarker Hand am Arm und führt ſie wieder nach dem Beſuchzimmer.„Lenor, wählen Sie zwiſchen dieſem Mann und mir. Verſuchen Sie, die Bekanntſchaft mit ihm zu erneuern oder was immer für einen Verkehr, der nicht durch meine Hände geht, zu unterhalten, und wir ſind geſchieden für immer.“ — Sie fällt ſchluchzend in ihren Seſſel.„Mein einziger Freund,“ ruft ſie;„mein einziger, einziger Freund! Und ich ſoll ſo von ihm ſcheiden!“ — Henry Dalton ſteht in einiger Entfernung und betrachtet ſie mit ſchmerz⸗ lichem Blick, während ſie ihrer Aufregung dieſen leidenſchaftlichen Aus⸗ bruch geſtattet.„Welcher Jammer, welcher grenzenloſe Jammer!“ ſagt er laut.„Und keine Hoffnung, keine Ausſicht auf ein Ende unſeres Elends!“


