Jahrgang 
1 (1864)
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54 Mewoiren eines alten Gaſtwirths.

1 gegenüber. Es war unſer erſtes vertrauliches Geſpräch, und hätte ſie

nicht eine ſo erſchreckliche Angſt gehabt, ſo hätt' ich glauben mögen, ſie

blicke mich mit Liebe an. Sie bat mich ſo ſehr, mich in Acht zu neh⸗

men, da er es doch auf mich hauptſächlich abſehen würde, weil ich ihn

3 mit den Poliziſten überwältigt. Hätte ſie erſt gewußt, daß auch von ihr und ihrem Behorchen, ihrer Entdeckung des Schrank⸗Geheimniſſes die Rede geweſen, daß er auch ihr mit den böſeſten Worten Schlimmes ge⸗ droht!

Darum wollte ich denn auch oben in meiner Stube bleiben, weil ſie ſonſt ja dort ganz allein geweſen wäre. Dafür aber ſprach ich noch extra

8 mit dem Johann, ſchärfte ihm Wachſamkeit ein, und endlich holten wir, als die Alten in ihre Schlafſtube gegangen, den Sultan, den Hofhund, und banden ihn drunten auf dem Flur neben Johanns Kammer mit einem Stricke an, der ihn feſthielt, im Nothfall aber leicht von ihm zerriſſen werden konnte. Das thaten wir fortan alle Abend heimlich. Denn ich will's nur offen herausſagen, es war wie eine Ahnung in mir, daß der ſchlimme Geſell uns noch zu ſchaffen machen dürfte. Er hatte ſich bei dem Einfangen nicht wie ein gebildeter Menſch, der er doch ſein wollte, außer daß er nebenher ein wenig Dieb war, ſondern wie ein raſendes

Thier gezeigt.

Es kamen ein paar Tage, die ſtill vorübergingen, für mich jedoch ſehr lieblich waren, dieweil ich nun die Ueberzeugung mit mir herumtrug, daß Mamſell Agnes, wie ſie bei uns noch immer geheißen wurde, mir innerlich gut ſei, ſo tief ſie's auch noch hinter den wieder auftauchenden kleinen Gottfrieds und anderen Neckereien verbarg, und obſchon ſie mir augenblicklich doch wieder mehr aus dem Wege ging als bisher, das

heißt, einem vertrauten Geſpräch. Ahnte ſie, daß mir das Herz auf den Lippen ſaß und ich den Liebesdrang kaum noch ertragen konnte? Sprechen . wollte ich jetzt mit ihr; was ſie und meine Schweſter von Armuth und Ausbezahlen und dergleichen ſchwatzten, daran dachte ich nicht anders, als daß mit der Zeit auch dafür Rath werden dürfte. Und ſeit ich ſie als eine ſo ängſtliche und zitterige kleine Perſon erkannt, war's mit mir ganz aus. Die bedurfte ja eines Mannes, der ſie in Ruhe und Frieden er⸗ halten, ſie ſtützen und beſchirmen konnte. Dazu fühlt' ich mich Manns

genug. Die Frühlingsſtürme hatten in dieſem Jahre ſchon zeitig zu hauſen