Von Moritz Horſt. 425
gewacht, wieder vergeſſen worden waren, am raſcheſten, wenn ſie keinen Widerſtand gefunden. Eine Natur, wie die Clorindens, vermochte keine Treue in der Ferne zu halten. Monate, in denen ſie Bondelli nicht wie⸗ derſah, würden, ſo glaubte Jerta mit Gewißheit annehmen zu dürfen, ſie ihn und ſeine Verſe und ihre Leidenſchaft ganz vergeſſen laſſen. Den Brief ſelbſt verbrannte ſie aus Rückſicht für Conte Landrini ſowohl als aus Furcht, Madame Santa⸗Croce könnte ihn zu ſehen ſuchen und jene Anſpielungen auf Heinrich Morotini ſehr falſch deuten. Bondelli, der ſeit Clorindens Abreiſe eine ſehr melancholiſche Miene zur Schau trug, begrüßte Jerta im Theater mit einem zwiſchen Wehmuth und Glück ge⸗ theilten Ausdruck, er hatte ſehr ſchöne wohlgepflegte Hände und legte die eine Hand aufs Herz oder doch auf die Stelle deſſelben, als er ſich gegen die Loge Madame Santa⸗Croce's neigte. Im nächſten Zwiſchenakt trat Conte Landrini in die Loge der Damen.
„Was war das vorhin?“ fragte er leiſe Jerta, als Madame Santa⸗ Croce eben ein Solo der erſten Tänzerin lorgnettirte.—„Sie wiſſen, daß Bondelli nicht mich meint,“ entgegnete ſie lächelnd.— Madame
Santa⸗Croce ſprach von ihrem beabſichtigten Beſuch bei ihrem Schwieger⸗ ſohn und erwähnte des Eifers, den Jerta heute bewieſen, dieſen Beſuch ſobald als möglich ins Werk zu ſetzen. Sie erhielt dafür einen Blick Landrini's, der ſte erbleichen machte. Für die Oſterwoche hatte er einen Beſuch bei ſeiner Mutter beabſichtigt, doch waren bis dahin noch mehrere Wochen.„Meine beiden jungen Damen drängen mich ſobald als möglich zu kommen,“ ſchloß Madame Santa⸗Croce.—„Herr Heinrich Morotini iſt noch in ſeines Vaters Hauſe?“ fragte Landrini.—„Er will ſeinen Aufenthalt nicht allzu ſehr verlängern und wünſcht, daß wir früher kämen, damit wir uns noch ſehen,“ berichtete die Dame, ohne den ſpottenden Ton zu beachten.
Es war nichts, als ein Vorbeugen für den Fall, daß Vater und Sohn ſich doch trennten, aber Landrini nahm es anders; er lobte Heinrich Morotini in einer Weiſe, die Jerta heimlich erſchrecken ließ. Sie blickte ihn nur bittend an, er ſchien es nicht zu bemerken.„Bleibe hier,“ flü⸗ ſterte er ihr leiſe zu,„laß die Tante allein nach Mercaduz gehen.“— „Ich will es verſuchen. Daß ich keinen freien Willen habe, wiſſen Sie,“ entgegnete das Mädchen leiſe.—„Jede Frau iſt klug genug, ihren Willen durchzuſetzen, wenn ſie es will,“ ſagte er;„Du kannſt gehen, wenn Moro⸗ tini abgereiſt iſt.“— Jerta warf einen Blick auf das ſtrenge Geſicht der


