Jahrgang 
3 (1863)
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422 In der Fremde verirrt.

Der Carneval war zu Ende gegangen, ohne daß Clorinde, wie ſie gehofft, an den Corſofahrten und letzten Bällen der großen Seeſtadt Theil genommen. Sie hatte nicht wieder zur Großmutter zurückkehren dürfen. Statt ihrer kam in den erſten Tagen der Faſten ein außergewöhnlich langer Brief an die Großmutter und ein zweiter an Jerta. Clorinde ſchrieb ihrer jungen Couſine:

Wenn Du dieſen Brief geleſen, liebſte Jerta, ſo biete Deinen ganzen

Einfluß auf und ſuche Großmama zu beſtimmen, meine Bitte ſo raſch als möglich zu erfüllen; hilf dazu ſo viel als Du kannſt, indem Du alle kleinen Hinderniſſe beſeitigſt. Willſt Du nun den Grund meiner Dring⸗ lichkeit wiſſen, ſo iſt er ein ſehr trauriger, und Du würdeſt ihn ſo wenig errathen, wie ich ihn je vorausgeſehen hätte. Denke Dir, daß Heinrich ſich entſchieden weigert in Papa's Geſchäft als Theilnehmer einzutreten, daß er verlangt, ganz nur ſeinen Studien leben zu dürfen, daß er ein kleines eigenes Vermögen dazu anwenden will, noch einige Jahre Chemie und Naturwiſſenſchaften zu ſtudieren, um dann als Gelehrter, und wenn es möglich wird, als Univerſitätslehrer irgendwo einen Wirkungskreis zu finden. Nun war Heinrich allezeit ein ſo fügſamer, ausgezeichneter Sohn, und iſt gleichwohl in dieſem einen Falle ſo vollkommen unerſchütterlich, daß Papa geradezu außer ſich iſt.

Ich habe ſo eine Idee, daß Papa weit weniger unglücklich wäre, wenn Guido ſich weigerte Kaufmann zu werden; zuerſt iſt Heinrich der älteſte Sohn und dann iſt Papa mit Leib und Seele Kaufmann, nicht Krämer, wie Du weißt, ſondern Kaufmann im großen Maßſtabe, und daß ſein begabteſter beſter Sohn ſeinen eigenen Stand gering ſchätzt, iſt ihm, glaub' ich, weit ſchmerzlicher als irgend ein pecuniärer Verluſt. In⸗ deß Heinrich beſteht ſanft, aber feſt auf ſeinem Entſchluß, erklärt, daß ſeine innerſte Natur ſich gegen den Kaufmannsſtand ſträube, daß es ihn in einen Zwieſpalt mit ſich ſelbſt bringen müßte, den kein materielles Wohlbehagen ausgleichen würde, und daß die Drohung des Vaters, ihn von ſeinem Erbe auszuſchließen, ihn weit weniger erſchrecke, als die Aus⸗ ſicht, ſein Leben in einen Wirkungskreis einzuſchränken, der ihm keine innere Befriedigung bieten könne genug, den er eben nicht für hoch genug hält, um ihm ſeine Kräfte zu widmen.

Sieh, Jerta, das alles iſt ſehr traurig und noch trauriger, da bis⸗ her das Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn das innigſte und herzlichſte war. Ich hatte immer meine Gedanken, als habe Papa Heinrichs Mutter