für Fr
Von Moritz Horſt. 421
ſtantiſche Religion nicht ausführliche Beichte geſtattet, daß ſie nicht dem ſtrengſten Beichtvater gegenüber ihre geheimſten Gedanken prüfen laſſen konnte, um gewiß zu ſein, daß keiner jenen ſtrengen Anſchauungen unwerth ſei. Ihr ganzes Geiſtesleben war ein Ringen nach einer wenigſtens verhält⸗ nißmäßigen Ebenbürtigkeit mit dem weit mehr verehrten als geliebten Manne.
Wohl dachte ſie auch an Heinrich, ſeit er nach Mercaduz zurückge⸗ kehrt war, aber er war eben eine der ihren ſo verwandte Natur, daß er keine Ergänzung der ihren ſein konnte, daß ſeine Entfernung keine Lücke ließ, wohl aber ſeine Nähe ein gewiſſes geiſtiges Wohlgefühl für ſie ge⸗ habt hatte, daß ſie ſich neben ihm gewiſſermaßen ihrer eigenen Anlagen
und Beſtrebungen erſt recht bewußt wurde, während ſie neben Landrini nur das Beſtreben empfand, ihr eigenſtes Weſen aufgeben zu können, um
ſich zu ſeiner Natur zu erheben. Und doch ſchrieb ſie zum erſtenmale jetzt lange Briefe an Clorinde, in denen Heinrichs mit keiner Silbe erwähnt wurde, und die doch nur an ihn gerichtet waren, die in jeder Hinſicht außer dem Bereiche von Clorindens Empfindungs⸗ und Verſtändnißfähig⸗ keit lagen, und nach einer beſonders verletzenden kalten Aeußerung Land⸗ wini's war ſte an ihren Schreibtiſch geeilt, um ihn zu bitten, ihr ganzes bisheriges Verhältniß zu vergeſſen, da eine wirkliche innige Verſtändigung zwiſchen ihnen unmöglich ſei. Als ſie den Brief überlas, fand ſie, daß alles, was ſie von Landrini bisher umſonſt erbeten, ihr von Heinrich frei⸗ willig gewährt und entgegengebracht worden ſei, daß Landrini Vorwürfe machen Heinrichs Ueberlegenheit anerkennen heiße, daß ſie von jenem ſich nicht frei machen könne, ohne den Balſam für die Wunden ihrer Seele von Heinrich annehmen zu müſſen, weil er, ahnungslos, daß dies ſo ſei, durch ſeine bloße Nähe, durch das einfache Gewährenlaſſen ſeiner Natur ihn ihr geben würde.
Indeß hatte auch Conte Landrini die ihn ſo aufreizende Begegnung mit Heinrich Morotini allmälig verwunden. Er wurde wieder freundlich negen Jerta, begegnete den Damen auf der Promenade, kam in die Loge, waf ſie in Geſellſchaften und verſäumte keinen Empfangabend der Ma⸗ vame di Santa⸗Croce, erlaubte Jerta ſelbſt einige Quadrillen auf den Zällen und ſtellte dadurch ein beſſeres Einvernehmen zwiſchen ihr und der Tante her, die es ignoriren konnte, daß ihre Nichte nicht rund tanzte, wenn ſie dieſe Quadrillen tanzen ſah und ſie alſo doch einen Vorwand hatte, ſelbſt noch alle Bälle und Soiréen zu beſuchen.—


