420 In der Fremde verirrt.
ſetzt worden, waren Verhältniſſe letzterer Art nichts Seltenes, für Frauen gehörten ſie zur vollſtändigen Geſellſchaftstoilette, und je nach Reichthum und geſellſchaftlicher Stellung des Vaters wurden ſie ſelbſt jungen Mädchen verziehen. Clorinde wußte das und hatte es früher ausgeſprochen, als ſie ſelbſt Arthur Bondelli als ein ſolches Spielzeug an ſich gezogen, ſie wußte ganz wohl, daß er ihr nie mehr ſein und nie mehr werden ſollte.
Wenn es Augenblicke gab, wo ſich Jerta fragte, ob die Aufgabe, die Frau dieſes Mannes zu werden, nicht ſelbſt geiſtig eine allzuſchwere ſein dürfte,— alle materiellen und ſocialen Schwierigkeiten traten ihr ohnehin vor dem Ernſt dieſer Aufgabe weit mehr als in einem anderen Falle zurück,— ob es nicht beſſer ſei, jetzt noch, trotz alles Vorherge⸗ gangenen aus freiem Entſchluſſe zurückzutreten, ſo verglich ſie ihn wieder mit den Männern ihrer jetzigen Umgebung und fühlte ſich ſo fremd, ſo abgeſtoßen, ſo widerlich berührt von dem kaum verhüllten Materialismus dieſer Kreiſe, daß ſie zu ihres Freundes Strenge aufſah wie zu der fleckenloſen Reinheit eines Sternes, daß er ihr mit ſeiner Strenge und Härte doch vorkam wie jener höchſte Herr, dem alle Herrlichkeit der Welt zu Füßen lag und der nur ein„Hebe dich weg!“ zur Erwiderung hatte. Sie vergaß alle Quälereien ſeiner Eiferſucht in freudigem Stolze, wenn er ihr ſagte:„Ich betrachte dich eben als meine Frau und dulde nicht, daß einer jener mir in ihrem Thun und Treiben ſo verächtlichen Männer dich durch ſeine Bewunderung profanire. Weißt du, wie jene Leute ihre Zeit verbringen, wenn ſie um Mitternacht die blumenduftenden vergoldeten Salons der ſogenannten Créme der Geſellſchaft verlaſſen? Sie gehen auf Maskenbälle, um mit Griſetten und Buhlerinnen zu tanzen, was ſie in den Salons nicht mehr oder nur ſelten thun. Ja und wenn ſie ſich her⸗ beilaſſen, geſchieht es, weil dieſe oder jene junge Dame ſie an dieſe oder jene ihrer Freundinnen erinnert. Sie ſagen nicht: jene Tänzerin hat eine Art Aehnlichkeit mit der Tochter dieſes oder jenes Millionärs,— ſondern ſie ſagen: Mademoiſelle die und die iſt beinahe ſo hübſch wie Lolo oder Titi, und keiner dieſer erbärmlichen Burſchen ſoll meine künftige Frau im Arm halten und, weil ſie ihn zufällig an ein verlorenes Geſchöpf er⸗ innert, Gefallen an ihr finden.“.
Dieſe Sprache, ſo kühn und rückſichtslos ſie immer einem jungen Mädchen gegenüber klingen mochte, war doch das gerade Gegentheil deſſen, was Jerta täglich und ſtündlich hörte und neben ſich vorgehen ſah; es war eine Strenge, die ſie verehrte, und ſie bedauerte faſt, daß die prote⸗


