418 In der Fremde verirrt.
Landrini mit demſelben kalten ruhigen Tone.„Ich habe drei Stunden Whiſt mit dem Präſtdenten geſpielt.“
Diesmal verneigte ſich das Mädchen, ohne daß ſie dem bittenden Blicke in ihrem raſch ſich ſenkenden Auge einen Ausdruck geſtattete. Der Italiener ſchien überraſcht, dann lächelte er, grüßte Heinrich mit kalter Höflichkeit und verließ das Zimmer. Jerta ſtand an einem kleinen nied⸗ rigen Lehnſtuhl, an deſſen Lehne ſie ſich feſthielt. Ihre ganze Geſtalt bebte, aber ihr Geſicht war ſtill und ruhig, die langbefranzten Lider über die Augen geſenkt. Heinrich Morotini verſtand die Scene ſehr wohl, ſein warmes Herz und ſein großmüthiger Sinn wallten einen Augenblick auf.„Armes Kind,“ ſagte er leiſe und ergriff ihre Hand; er ſelbſt hatte jene langen ſchlanken Hände, die Tizian ſeinem Chriſtus gab, Hände, die irdiſche Dinge mehr ablehnen als feſthalten.— Das Mädchen ſah zu ihm auf, ein Lächeln flog über ihr Geſicht, und ſie hielt die Thränen zurück, die ihr im Auge ſtanden.„Wir wollen Clorinde beglückwünſchen,“ ſagte ſie gefaßt. Ihr waren Scenen, wie die eben erlebte, nicht neu, aber daß der Mann, den ſie als ihren Verlobten betrachten durfte, nach ſeinen eigenen, allerdings nur in ihrer Gegenwart ausgeſprochenen Wor⸗ ten,— daß er den ganzen Abend in ihrer Nähe geweſen war ohne ſie zu begrüßen, war eine neue Art von Folter, die er erſonnen. Daß Hein⸗ richs Abweſenheit im Hauſe ſeiner Stiefgroßmutter ſie hervorgerufen, war ihr keinen Augenblick zweifelhaft, ſie hatte erwartet, daß ſie Heinrichs Nähe irgendwie werde büßen müſſen.
Am nüächſten Tage wie an den folgenden war Jerta wieder wie früher, weniger geſprächig vielleicht, aber voll kleiner Aufmerkſamkeiten, die ſie ſchon in den erſten Tagen ihm abgelauſcht. Er fand beim Früh⸗ ſtück und Thee alles in ſeiner nächſten Nähe aufgeſtellt, was er zu nehmen gewohnt war oder bevorzugte, die blendende Helle des gegenüberliegenden Hauſes abgeſchloſſen durch eine Gardine,— er litt zuweilen an den Augen,— am Abend den dichteſten Lampenſchleier an ſeinem Platze. Sie ſpielte kein einziges Virtuoſenſtück, ſondern wirkliche Muſik, Mozart und Beethoven, oder einige ſloveniſche Volkslieder, die er als ſeine Lieblinge bezeichnet. Dazu aber, daß er ihr nur mit einem Blicke danken konnte, ließ ſie es nicht kommen, überhaupt waren es vor allem ihre Augen, denen er nicht mehr begegnete. Er verſtand, daß ſie damit den Weg zu ihrem innerſten Leben, das ſie einem andern zu eigen gegeben, ihm abſchloß; dafür gewährte ſie ihm jede andere Freundlichkeit und Vorſorge aus Dankbarkeit


