Von Moritz Horſt. 415
ſicht ſehr gebildeter Mann, und vor allem beſaß der Fürſt von Mercaduz zwei Töchter, deren jede einmal mehr als eine Million zu beanſpruchen hatte, ſelbſt in dem Fall, daß den beiden Brüdern als Namenserben und Führern der Fabriken ein weit größeres Erbe zufallen mußte.
Selbſtverſtändlich war der älteſte Sohn des Prinzen von Mercaduz eine nicht weniger intereſſante Perſönlichkeit als ſeine ſchöne lebhafte Schweſter, und manches dunkle Auge hing ſchmachtend an dem ſeinen, als er ſich in den nächſten Tagen mit der Schweſter auf Promenaden und in Geſellſchaften zeigte. Nie waren die Empfangsabende der Ma⸗ dame Santa⸗Croce ſo belebt geweſen wie an denjenigen, die Heinrich Marotini's Ankunft folgten, obwohl natürlich alle jungen Damen bloß kamen, um die liebe Clorinde vor ihrer Rückkehr zum Vater noch zu ſehen, die nur für einen Beſuch zur Großmutter in die große Handels⸗ ſtadt gekommen. Man ſprach von Geſellſchaften, die der Vater im eigenen Hauſe zur Feier der Rückkehr des Sohnes zu geben gedachte, obwohl dieſer wenig Gefallen an größerer Geſelligkeit und vor allem am Tanz zu finden ſchien.
Der italieniſchen Sitte gemäß wurde an dieſen Empfangsabenden getanzt, ſo lange der Faſching währte. Nach Beendigung desſelben ließ Madame Santa⸗Croce zuweilen mit vertheilten Rollen leſen. In dieſem Faſching hatte Arthur Bondelli die lebenden Bilder in Aufnahme ge⸗ bracht, bei denen ſeine ſchöne und intereſſante Erſcheinung in den hervor⸗ ragendſten Rollen zur Geltung kam, während ſein Talent bei der An⸗ ordnung alle Anerkennung verdiente; er war durch alles dies der Löwe der Saiſon, und eine Soiree ohne ihn nicht denkbar.
Jerta wurde, wie Heinrich es vorausgeſehen, von vielen verdunkelt, die bei genauer Prüfung ihr kaum hätten verglichen werden können. Sie war in ihrer Toilette und in ihrem ganzen Weſen von einer Einfachheit, die Heinrich faſt unangenehm berührte; er wußte nicht, war es Koketterie oder geiſtiger Hochmuth und bewußtvolles Sichabſchließen. So freundlich und unbefangen ſie ſich in allen den vorhergegangenen Tagen ihm gegen⸗ über gegeben, ſo zurückhaltend und ſcheu war ſie an jenem Abend, ja ſie ſchien ſich für jedes männliche Weſen unter fünfzig Jahren, wenn nicht unſichtbar doch unfaßbar machen zu wollen; ſie ſprach mit niemand als mit Damen und einigen wenigen älteren Herren, und vor allem meinte
Heinrich zu bemerken, daß ſie ihm ausweiche. Im ganzen gab ſie ſich ſo ganz als Geſellſchaftsfräulein und ſo gar nicht als Verwandte des Hauſes,


