Von Moritz Horſt. 413
Heirath Jerta wirklich als Nichte behandeln und gewiß reichlich ausſtatten. Denn alle ihre Kinder und Enkel ſind reich ohne ſie, und eine Verſchwä⸗ gerung mit der Conteſſa Landrini würde ihrer Vorliebe für ariſtokratiſchen Umgang bedeutende Ausſichten eröffnen. Das weiß Ettore Landrini.“ „Du biſt nicht blind für ihn, aber vielleicht gegen ihn eingenommen?“— „Das eine wie das andere wäre grundlos, bloße Antipathie. In der That flöͤßt er mir faſt ſolche ein.“—„Wirklich ohne Grund?“ fragte Heinrich mit einem leiſen Lächeln, das Clorinde mit einem offenen Blick erwiderte.
„Meines Vaters Tochter hat es trotz ihrer ſiebzehn Jahre doch nicht an Bewerbern gefehlt, die ſich um ſeine Millionen bemühten. Ettore Landrini war nicht dabei, das iſt wahr. Aber nicht beleidigte Eitelkeit iſt der Grund meiner Antipathie, er theilt ſie, wie ich glaube. Er miß⸗ fällt mir als Mann, ich finde ihn nicht häßlich, denn er hat ein regel⸗ mäßiges, ariſtokratiſches Geſicht, vollkommen elegante Manieren, aber er mißfällt mir.“—„Und du läßſt ihn dies fühlen?“
„Nein,“ entgegnete Clorinde,„aber er weiß es, er weiß ſogar, daß viele meiner Meinung ſind. Noch einmal, er iſt tadellos elegant, und doch werden ihm ſicher oft unbedeutendere, häßlichere Männer vorgezogen. Worin das liegt, kann ich dir nicht erklären, aber ich fühle, es iſt ſo. Jerta nun findet ihn geiſtreich und bedeutend; ſie zog ihn vom erſten Augenblicke allen anderen jüngeren und älteren Männern vor. Sie gilt nicht nur, ſondern iſt auch ein kluges, ſehr gut erzogenes Mädchen; ſo ſchmeichelte es ihm, daß ſie ihn auszeichnete.“—„Das ſpräche für ihn, nicht gegen ihn. Jerta iſt mehr intereſſant als ſchön, ſicherlich nicht glänzend. Im Ballſaal und Salon werden viele ſie überſtrahlen, die nicht im entfernteſten mit ihr verglichen werden können.“
Clorinde nickte zuſtimmend und neidlos. Jerta war ſo vollkommen verſchieden von ihr, daß eine Rivalität zwiſchen ihnen undenkbar war. Clorinde hatte Recht zu ſagen, daß ſie noch die Männer nur in Tänzer und Nichttänzer eintheile, nur hätte ſie hinzuſetzen können, daß ſie neben der bloßen Gewandtheit auch einſchmeichelnde äußere Form ſuchte; ſie wollte, daß ihr Tänzer ihr gefalle, ihr Blick, wenn ſie ihn erhob, ſchöne und angenehme Züge treffe.„Lerne Landrini kennen,“ ſagte ſie.—„Das werde ich thun, jedenfalls ſchon aus Intereſſe für Jerta.“
Clorinde lächelte, aber der Bruder ſchüttelte ſanft ablehnend den Kopf.„Du wirſt deine früheren Worte in Bezug auf meine geiſtige


