Jahrgang 
3 (1863)
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Von Moritz Horſt. 411

zurückging. Heinrich folgte ihr mit den Blicken, dann wandte er ſich, um in den Garten zu gehen, und fand ſich ſeiner Schweſter gegenüber. Clorinde hatte ſanft und lange geſchlafen. Sie blühte wie eine Roſe und die Grazie und Heiterkeit der Jugend und des Glückes lag auf ihrer Erſcheinung, in ihrem ſchalkhaften Lächeln.Mein transatlantiſcher Bruder mag ſich hüten, der Roſe des thüringer Waldes zu tief in die Augen zu

blicken, ſie iſt verſagt, aus freier Wahl.Haſt du ein Recht, ein Herzensgeheimniß ſo auszuſprechen? fragte der Bruder.Jerta nimmt es nicht als ſolches, ſondern als offene Werbung, die allerdings mit ihrer Herzensneigung zuſammentrifft.Sie iſt nicht gern hier?

Clorinde zuckte die Achſeln.Du kennſt Großmama; ſie iſt gut, freigebig, großmüthig, alles, nur nichtFeinfühlend? Clo⸗ rinde nickte.Jerta iſt es vielleicht bis zur Sentimentalität.Ich

glaube nur bis zur geiſtigen Vornehmheit; dieſen Eindruck muß ſie bei der erſten Begegnung machen, natürlich nicht auf jedermann, ſagte er fein und flüchtig lächelnd und ſetzte ernſter hinzu:mich freut, daß du dir ihre Freundſchaft erworben haſt, Clorinde. Das raſch außblitzende ſpöttiſche Lächeln des ſchönen jungen Mädchens verſchwand und machte einem klugen feinen Platz.Weißt du, wie ſehr bedaure, daß du nicht ein paar Monate früher zurückgekehrt? ſagte ſie und ſah dem Bruder liebevoll in's Geſicht;manchmal kommt mir vor, als ſei Jerta in der That ein ſeltenes Geſchöpf, und recht deines⸗ gleichen, ſicherlich mehr als Ettore Landrini. In manchem iſt ſie dir ähnlich, als habe ſie von dir gerade dieſe oder jene Anſicht angenommen, darin zum Beiſpiel, daß kein Lob und kein Tadel ſie irre machen kann an dem, was ſie für Recht hält. Sie macht Muſik, wenn Großmama es ihr befiehlt, aber ſie ſpielt bloß, wenn ſie allein iſt; ſie hat ſich ein paar moderne Salonſtücke eingeübt, Bravourübungen, die ſpielt ſie im Salon, niiihpden Mendelſohn, Mozart nur, wenn ſie allein iſt, und wie! Wenn ich ſie die letzte Variation der Asdurſonate ſpielen höre, über⸗ kommt ef mich die Ahnung, daß es eine ungeſtillte und unſtillbare Sehnſucht gibt, etwas höheres als das Leben, wie ich es führe und viele andere mit mir; ein Gefühl, Heinrich, wie es mich nur überkommt, wenn ich von dir getrennt an deine lieben, ernſten, ſanften, treuen Augen denke und mich ſchmerzlich nicht bloß nach dir, ſondern nach dem ſehne, was in ihrem Blicke liegt. Haſt du dich denn nach mir geſehnt? fragte der Bruder zärtlich