Jahrgang 
3 (1863)
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410 In der Fremde verirrt.

Ein eigenthümliches Zucken flog um den feinen Mund, die Brauen zogen ſich leicht zuſammen; aber dieſer Ausdruck verſchwand, als ſie in das ernſte, wohlwollende und kluge Geſicht deſſen blickte, der ſich ihr als Freund und Verwandten antrug.Konnte Ihnen meine Schweſter nicht näher treten? fragte er jetzt.Sie war voll größter Herzlichkeit für mich, entgegnete Jerta, und ihre dunkelgrauen tiefen Augen erſchienen plötzlich wie verwandelt, mild, freundlich, und doch von dem Ausdrucke eines tiefen Ernſtes vergeiſtigt.Es iſt eine weite Kluft zwiſchen der Tochter des Fürſten von Mercaduz und der des beſcheidenen thüringer Schulmeiſters, fuhr ſie fort,und es ſind doch eben die erſten Eindrücke, die dem Menſchen ſeine geiſtige Richtung für's Leben geben. Glauben Sie nicht, daß ich die äußeren Verhältniſſe damit meine. Meine Jugend war bis zu meines Vaters Tode eine ſehr glückliche; man entbehrt nicht, was man nie kennt, und wir waren reich an vielen Lebensgenüſſen, welche die im Luxus erzogenen Kinder des reichen Handelsfürſten entbehrten; wir waren vor allen wirkliche Kinder, und ich trage manch' unvergeßlich ſchönes Bild in der Seele vom ſtillen Leben im Walde, von grüner Ein⸗ ſamkeit und blumenreicher Halde, das ich mit keiner anderen Erinnerung vertauſchen möchte.

Und das nun weit iſt, wie weit? entgegnete Heinrich Morotini

ſanft lächelnd.Es waren eben Kindertage, ſagte das Mädchen,ſie ſind vergangen, und nicht das wollte ich ſagen. Ich danke Clorinde viele Freundlichkeit, auch Madame Santa⸗Croce.Ihrer Tante, Jerta.

Sie ſchlug das dunkle Auge bittend und ernſt zu ihm auf.Viel⸗ leicht wird die Zeit kommen, wo ich aus freierem Herzen an ein ſolches Verhältniß zwiſchen uns glauben kann; jetzt fühle ich mich noch zu ſehr als Schulmeiſterstochter, um als die Nichte der reichen ſtolzen Kaufmanns⸗ frau mich fühlen zu können. Geſtatten Sie mir, daß ich nicht früher meine beſcheidene Geſellſchafterinſtellung von denen überſehen wünſchte, auf deren Meinung ich Werth lege. Sie bot Heinrich die Hand bit⸗ tend und doch voll edlen Stolzes; er nahm ſie zwiſchen die ſeinen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich zu dieſen zählen, und wenn ich mir auch Vetter⸗ und Freundesrechte zu erwerben hoffe, genügt es mir für jetzt, bis ich mir Ihr Vertrauen erwerben kann.

Jerta hatte ſanft ihre Hand aus denen Heinrichs zurückgezogen, eine feine Röthe flog über ihr Geſicht.Sie ſind freundlich gegen die Fremde, ſagte ſie, indem ſie leiſe grüßend den Kopf ſenkte und dann in das Haus