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406 In der Fremde verirrt.
ſchen geben kann, deren Geſicht ein Segen iſt. Jerta erinnerte ſich dieſes Wortes, als das dunkelbraune tiefe Auge dem ihren begegnete.
Clorinde hatte ſich auf die Armlehne des Seſſels geſetzt, in dem ihr Bruder ſaß. Sie lachte und plauderte vom Ball, von des Bruders Reiſe, von Zukunftsplänen.„Daß du dein ſchönes Haar nur wieder gebracht haſt,“ ſagte ſie und ſtrich ſchmeichelnd mit der Hand durch die braunen weichen Wellen;„ich kann mir einen liebenswürdigen Mann nicht ohne ſchönes Haar denken. Ich wenigſtens wäre ſicher, mich in keinen ver⸗ lieben zu können, der nicht reiches und weiches Haar hätte, ſo wie du, Heinrich. Manche Leute ſind freilich anderer Meinung. Neulich las ich in einer Zeitung, geiſtreiche bedeutende Stirnen enthaarten ſich früh, von der Stirn hinauf, und ich kenne eine junge Dame, die findet es ſo ſchön, daß ſie ſich eigens in einen Mann deßhalb verliebt hat, denn ſonſt war kein Grund dazu da.“—„Und ich kenne eine andere, die nicht die Hälfte von dem verantworten könnte, was ſie heute plaudert,“ warf Heinrich ein. Clorinde küßte ihn lachend, und er ſprach nun mit ſeiner ruhigen, ſanften Stimme von ſeinen Reiſen, von der Ueberfahrt, von allerlei, was er mitgebracht, und erbat ſich die Erlaubniß, am andern Tag den Damen einiges zeigen zu dürfen. Es war zwei Uhr vorüber als man ſich end⸗ lich trennte.
„Ich habe die Jungfer zu Bett geſchickt,“ ſagte Jerta, indem ſte Clorinde in ihr Zimmer begleitete;„es war die fünfte Nacht, daß ſie wachte, und doch darf ſie morgens nicht länger ſchlafen. Erlaube mir ihren Platz auszufüllen.“— Clorinde hatte ſich in einen weiten Morgen⸗ rock gehüllt und lag ermüdet in einem niedrigen Seſſel; ihre Couſine löſ'te ihr die Blumen aus dem ſchönen Haar, ordnete es und ſlocht es zuſammen.„Landrini war dort,“ ſagte Clorinde blinzelnd.—„Ich wußte es,“ entgegnete Jerta ſanft.—„Und bliebſt zu Haus?“ ſagte Clorinde überraſcht.—„Er wünſchte es ſo.“— Ohne ſich aus ihrer halbliegenden bequemen Stellung zu erheben, machte Clorinde eine Wen⸗ dung mit ihrem Oberkörper, die etwas ſchlangenhaft geſchmeidiges hatte; ſie konnte ſo ihrer Couſine in's Geſicht blicken und that es mit einem aus Spott und Staunen gemiſchten Ausdruck.
„Und welchen Grund gab er an, dich zu Haus einzuſperren, während er ſelbſt das Vergnügen ſucht, das er dir verbietet und dich dadurch in eine ſchiefe Stellung zur Großmama bringt, der dein Benehmen den Vor⸗ wand nimmt, daß ſie deinethalb Bälle und Soireen beſuche? Kluge


